Bauernregel Mittwoch 2. Januar 2008
Eduard Mörike
Zum Neujahr
Mit einem Taschenkalender
An tausend Wünsche, federleicht,
Wird sich kein Gott noch Engel kehren,
Ja, wenn es so viel Flüche wären,
Dem Teufel wären sie zu seicht.
Doch wenn ein Freund in Lieb und Treu
Dem andern den Kalender segnet,
So steht ein guter Geist dabei.
Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet,
Ob dir’s auch ohne das beschieden sei.
Jean Paul
Siebenkäs
Blumen-, Frucht- und Dornenstücke
oder Ehestand, Tod und Hochzeit
des Armenadvokaten
F. St. Siebenkäs
Zehntes Kapitel
Der einsame Neujahrtag – der gelehrte Schalaster – hölzernes Bein der Appellation – Briefpost in der Stube – der elfte Februar und Geburttag 1786
Ich kann wahrhaftig meinem Helden zu keinem Neuen Jahres-Morgen Glück wünschen, worin er die verquollenen Augen in den heißen Augenhöhlen schwer nach der Morgenröte dreht und sich mit dem ausgepreßten, betäubten Gehirne wieder an das Kissen schmiegt. Einen Menschen, der selten weinet, fallen neben den moralischen Schmerzen allezeit solche körperliche an. Er blieb über die alte Stunde im Bette, um nachzudenken, was er getan habe, und was er tun müsse. Er erwachte viel kälter gegen Lenetten, als er eingeschlafen war. Wenn die gegenseitige Rührung zwei Menschen nicht verknüpft, wenn die Glut des Enthusiasmus kein Bindmittel zwischen zwei Herzen wird: so mischen sie sich erkaltet und spröder noch minder zusammen. Es gibt einen mißlichen Zustand der unvollendeten, halben Versöhnung, worin die steilrechte Zunge der Juwelierwaage im Glaskästchen vor dem leichtesten Lüftchen einer andern Zunge überschlägt: ach heute senkte sich schon bei Firmian die Waage ein wenig, und bei Lenetten ganz. Er bereitete sich aber doch und fürchtete sich zugleich, einen Neujahrwunsch zu geben und zu beantworten. Er ermannte sich und trat mit dem alten herzhaften Schritt, als wäre gar nichts geschehen, ins Zimmer. Sie hatte, um ihn nicht zu rufen, lieber die Kaffeekanne zu einem Kühlfaß werden lassen und stand, mit dem Rücken gegen ihn, an der herausgezognen Kommodeschublade und zerrete – Herzen auseinander, um zu sehen, was hinter ihnen sei. Es waren nämlich gedruckte, in Verse gebrachte Neujahrwünsche, die sie aus der schönern Zeit in Augsburg von Freunden und Freundinnen herübergebracht hatte; der freundliche Wunsch wurde von einer Gruppe ausgeschnittener, in einer Spirallinie ineinander zurücklaufender Herzen bedeckt. Wie die Hl. Jungfrau mit wächsernen, so werden die andern Jungfrauen mit papiernen Assignatenherzen umhangen; denn bei diesen holden führt alle Glut und Freundschaft den Namen Herz, wie die Landkartenmacher den Umriß des heißen Afrika auch einem Herzen ähnlich finden. –
Firmian erriet leicht alle sehnsüchtige Seufzer, die in der Verarmten über so viele zertrümmerte Wünsche aufstiegen, und alle trübe Vergleichungen der jetzigen Zeit mit der lachenden, und was der Schmerz und die Vergangenheit einem weichen Herzen miteinander sagen: ach, wenn am Neujahrtag schon der Glückliche seufzet, so muß ja wohl der Unglückliche weinen dürfen? – Er sagte seinen guten Morgen sanft und wollte nach einer sanften Antwort seine Wünsche an die gedruckten schließen. Aber Lenette, viel tiefer und öfter gestern verwundet als er, murrete ihm eine kalte, schnelle zurück. – - Nun konnt’ er nichts wünschen; sie tat es auch nicht; und so unglücklich und so hart drängten sie sich miteinander durch die Pforte eines neuen Jahrs.
Ich muß sagen, er hatte sich schon vor acht Wochen auf diesen Morgen gefreuet, auf die süße Zerfließung ihrer zwei Herzen, auf tausend heiße Wünsche, die er ihr vorstammeln wollte, auf ihr Aneinanderschließen und auf das trunkne Verstummen der Lippen an Lippen… O wie war alles so anders, so kalt, so tödlich kalt! – Ich muß es irgendwo anders – wo ich mehr Papier dazu vor mir habe – ausführen, warum und wienach – denn dem Anschein nach ist gerade das Widerspiel zu vermuten – seine satirische Ader ein Gärmittel oder eine Wässerung für sein empfindsames Herz abgab, dessen er sich zugleich freuete und schämte. Am meisten half dazu der – Reichsflecken Kuhschnappel, auf den, wie auf noch einige deutsche Ortschaften, der empfindsame Tau, wie auf Metalle, nicht gefallen war, und worin die Leute sich mit verknöcherten Herzen versehen hatten, denen, wie erfrornen Gliedmaßen, oder wie Hexen voll Stigmen des Teufels, keine Wunde von Belang zu machen war. Unter solchen Kalten nun vergibt und sucht man übertriebene Wärme am ersten. Einer hingegen, der 1785 in Leipzig etc. wohnhaft war, wo die meisten Herzen und Schlagadern mit dem Tränen-Spiritus ausgesprützet waren, trieb leichter den witzigen Unwillen darüber zu weit; so wie die Köche in den nassen Jahrgängen mehr scharfe Gewürze an die wässerigen Gemüse reiben als in trocknen. – -
Lenette ging heute dreimal in die Kirche; es war aber ganz natürlich… Beim Worte »dreimal« erschreck’ ich nicht über die Kirchengänger, die dabei selig werden können, sondern über die armen Geistlichen, die an einem Tage so oft predigen müssen, daß es noch ein Glück ist, wenn sie dabei nichts werden als, statt heiser, verdammt. Ein Mensch, der das erstemal predigt, rührt gewiß niemand so sehr als sich selber und wird sein eigner Proselyt; aber wenn er die Moral zum millionenstenmal vorpredigt, so muß es ihm ergehen wie den egerischen Bauern, die den egerischen Brunnen alle Tage trinken, und die er daher nicht mehr purgiert, so viele sedes er auch Kurgästen macht.
Über dem Essen schwieg das traurige Ehepaar. Der Mann tat, da er ihre Vorkehrungen zu einem Besuche in der Nachmittagkirche gesehen, in welcher sie seit einiger Zeit nicht gewesen, bloß die Frage, wer predige. »Wohl der Hr. Schulrat Stiefel«, sagte sie, »ob er gleich sonst nur vormittags die Kanzel besteigt, aber der Vesperprediger Schalaster kann nicht, Gott hat ihn gestraft, er hat sich das Schlüsselbein ausgerenkt.« Zu einer andern Zeit hätte Siebenkäs manches über das letzte gesprochen; aber hier schlug er bloß mit dem einen Zacken der Gabel an den Teller und fuhr mit dieser Spielwelle schnell an das eine Ohr, indes er das andere verschloß: der Trommelbaß des summenden Euphons zog seine gequälte Seele in die Wogen des Tons, und dieses brausende Schallbrett, dieser zitternde Klöppel tönte ihm am neuen Jahre gleichsam zu: »Vernimmst du nicht von weitem das Ausläuten der Messe deines kalten Lebens? Es ist die Frage, ob du am zweiten Neujahr noch hörest, ob du nicht schon liegest und auseinandergehst.« –
Er sah nach dem Essen zum Fenster hinaus, weniger nach der Gasse als nach dem Himmel. Da fand er eben zwei Nebensonnen und fast im Zenith einen halben Regenbogen, den wieder ein entfärbter durchschnitt1). Wunderlich fingen die Farbengestirne über sein Herz zu regieren an und machten es so wehmütig, als säh’ er droben sein halbfarbiges, bleiches, zerstücktes Leben nachgespielt oder nachgespiegelt. Denn dem bewegten Menschen ist die Natur stets ein großer Spiegel voll Bewegungen; nur dem satten und ausruhenden ist sie bloß ein kaltes totes Fenster für das Äußere.
Als er nachmittags einsam in der Stube war, als der frohe Kirchengesang und der benachbarte frohe Kanarienvogelschlag gleichsam wie das Getöse und Poltern lebendig begrabener Jahre der Freude seine matte Seele überfiel – und als ein heller magischer Sonnenschein seine Stube durchschnitt, und als dünne Wolkenschatten über den lichten Ausschnitt der Diele wegglitten und das kranke, stöhnende Herz mit tausend traurigen Ähnlichkeiten fragten: ist nicht alles so? entfliehen nicht deine Tage, wie Dünste durch einen kalten Himmel, über eine tote Erde und schwimmen hin in die Nacht: – - so mußt’ er sein schwellendes Herz mit der sanften Schneide der Tonkunst öffnen, damit die nächsten und größten Tropfen des Schmerzens daraus flössen – er griff einen einzigen Dreiklang auf dem Klavier und griff ihn wieder und ließ ihn verwogen – wie die Wölkchen flogen, starben die Töne aus, der Wohllaut schwang sich träger, zitterte nach und wurde starr, und die Stille stand da wie ein Grab – Im Horchen stockte sein Atmen und sein Herz, eine Ohnmacht griff nach seiner Seele – - und nun, und nun warf in dieser schwärmerischen kranken Stunde der Strom des Herzens – so wie Überschwemmungen Begrabne aus Kirchen und Gräbern spülen – einen jungen Toten aus der Zukunft, aus der irdenen Decke unverschleiert heraus: sein Leib war es; er war gestorben. Er schauete zum Fenster hinaus ins tröstende Licht und Getümmel des Lebens; aber es rief doch in ihm fort: »Täusche dich nicht, ehe die Neujahrwünsche wiederkommen, bist du schon von dannen gezogen.«
Wenn das scheuernde Herz so entblättert ist und nackt da steht: so ist jedes Lüftchen ein kaltes. Wie warm und milde hätte Lenette seines berühren müssen, um es nicht zu erschrecken, wie Hellseherinnen Todesfrost in jeder Hand empfinden, die sie außerhalb des magnetischen Kreises anrührt! –
Er setzte sich heute vor, in der sogenannten Leichenlotterie einzutreten, damit er bei seinem Zug in die andere Welt doch das Abzuggeld entrichten könnte. Er sagte es ihr; aber sie nahm den Vorsatz für eine Anspielung auf das Trauerkleid. So neblig ging der erste Tag vorüber, und noch regnerischer die erste Woche. Es war das Einfaßgewächs und der Zaun um Lenettens Liebe gegen Stiefel ausgerissen, und diese Liebe stand frei da. An jedem Abend, wo sonst der Rat gekommen war, grub sich der Ärger und Kummer tiefer in ihr junges Angesicht, das allmählich zur durchbrochnen Arbeit des Schmerzens einfiel. Sie fragte nach den Tagen, wo er zu predigen hatte, um ihn zu hören, und trat bei jedem Leichenzuge ans Fenster, um ihn zu sehen. Die Buchbinderin war ihr korrespondierendes Mitglied, und aus ihr holte sie neue Entdeckungen über den Schulrat heraus und repetierte mit ihr die ältesten. Wieviel Wärme mußte nicht der Rat durch seinen Fokalabstand gewinnen, und der Mann durch seine Erdnähe verlieren. So wie die Erde gerade die kleinste Wärme von der Sonne bekömmt, wenn sie ihr am nächsten ist, im Winter! – - Zu diesem allen kam noch ein ganz neuer Grund zu Lenettens Abneigung. Es hatte nämlich der Heimlicher v. Blaise unter der Hand von ihrem Manne bekannt gemacht, er sei ein Atheist, und kein Christ. Redliche alte Jungfern und Geistliche sind auf eine schöne Weise von rachsüchtigen Römern unter den Kaisern verschieden, die oft den unschuldigsten Menschen für einen Christen ausgaben, um ihm eine Märtererkrone zu flechten; besagte Jungfern und Geistliche nehmen vielmehr die Partei eines Menschen, der in solchem Verdachte ist, und leugnen es, daß er ein Christ ist. So unterscheiden sie sich sogar von den neuen Römern und Italienern, welche stets sagen: es sind vier Christen da, statt vier Menschen. Das tugendhafteste Mädchen bekam in St. Ferieux bei Besançon zum Preis einen Schleier zu 5 Livr.; und diesen schönen Preis der Tugend, nämlich einen moralischen Schleier von 6 Livr., werfen Menschen wie Blaise gern über gute Leute. Sie nennen daher gern Denker Ungläubige, und Heterodoxe Wölfe, deren Zähne glätten und zahnen helfen; so wird auch auf die besten Klingen ein Wolf eingezeichnet.
© Projekt Gutenberg
- Erstes Bändchen
- Vorrede zur zweiten Auflage
- Vorrede, womit ich den Kaufherrn Jakob Oehrmann einschläfern mußte, weil ich seiner Tochter die Hundposttage und gegenwärtige Blumenstücke etc. etc. erzählen wollte
- Erstes Kapitel: Hochzeittag nach dem Respittage – die beiden Ebenbilder – Schüsseln-Quintette in zwei Gängen – Tischreden – sechs Arme und Hände
- Zweites Kapitel: Hausscherze – Besuchfahren – der Zeitungartikel – verliebte Zänkerei samt einigen Injurien – antipathetische Dinte an der Wand – Freundschaft der Satiriker – Regierung der Reichsstadt Kuhschnappel
- Drittes Kapitel: Flitterwochen Lenettens – Bücherbräuerei – der Schulrat Stiefel – Mr. Everard – Vor-Kirmes – die rote Kuh – Michaelis-Messe – the Beggars’ Opera – Versuchung des Teufels in der Wüste oder das Märchen von Ton – Herbstfreuden – neuer Irrgarten
- Viertes Kapitel: Eheliche partie à la guerre – Brief an den haar-lustigen Venner – Selbertäuschungen – Adams Hochzeitrede – das Abschatten und Verschatten
- Ende der Vorrede und des ersten Bändchens
- Zweites Bändchen
- Vorrede zum zweiten, dritten und vierten Bändchen
- Fünftes Kapitel: Besen und Borstwisch als Passionwerkzeuge – Wichtigkeit eines Bücherschreibers – Nuntiaturstreitigkeiten über Lichtschneuzen – der Zinnschrank – die Hausnot und Hauslust
- Sechstes Kapitel: Ehe-Keifen – Extrablättchen über das Reden der Weiber – Pfandstücke – der Mörser und die Rappeemühle – der gelehrte Kuß – über den Trost der Menschen – Fortsetzung des sechsten Kapitels
- Fortsetzung und Beendigung des sechsten Kapitels: Der grillierte Kattun – neue Pfandstücke – christliche Vernachlässigung des Judenstudiums – der aus den Wolken gereichte Helfarm aus Leder – die Versteigerung
- Siebentes Kapitel: Das Vogelschießen – das Schwenkschießen – Rosas Herbst-Feldzug – Betrachtungen über Flüche, Küsse und Landmilizen
- Achtes Kapitel: Bedenklichkeiten gegen das Schuldenbezahlen – die reiche Armut am Sonntag – Thronfeierlichkeiten – welsche Blumen auf dem Grabe – neue Distel-Setzlinge des Zanks
- Erstes Blumenstück: Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei
- Zweites Blumenstück: Der Traum im Traum
- Drittes Bändchen
- Neuntes Kapitel: Kartoffelkriege mit Weibern – und mit Männern – der Dezemberspaziergang – Zunder der Eifersucht – Erbfolgekriege um den grillierten Kattun – Zerfallen mit Stiefel – die schmerzhafte Abendmusik
- Zehntes Kapitel: Der einsame Neujahrtag – der gelehrte Schalaster – hölzernes Bein der Appellation – Briefpost in der Stube – der elfte Februar und Geburttag 1786
- Elftes Kapitel: Leibgebers Schreiben über den Ruhm – Firmians Abendblatt
- Zwölftes Kapitel: Auszug aus Ägypten – der Glanz des Reisens – die Unbekannte – Baireuth – Taufhandlung im Sturm – Natalie und Eremitage – das wichtigste Gespräch im Werk – der Abend der Freundschaft
- Dreizehntes Kapitel: Die Uhr aus Menschen – Korbflechterin – der Venner
- Vierzehntes Kapitel: Verabschiedung eines Liebhabers – Fantaisie – das Kind mit dem Strauße – das Eden der Nacht und der Engel am Tor des Paradieses
- Erstes Fruchtstück: Brief des Doktor Viktor an Kato den Ältern über die Verwandlung des Ich ins Du, Er, Ihr und Sie – oder das Fest der Sanftmut am 20ten März
- Viertes Bändchen
- Intelligenzblatt der Blumenstücke
- Funfzehntes Kapitel: Rosa von Meyern – Nachklänge und Nachwehen der schönsten Nacht – Briefe Nataliens und Firmians – Tischreden Leibgebers
- Sechzehntes Kapitel: Abreise – Reisefreuden – Ankunft
- Siebenzehntes Kapitel: Der Schmetterling Rosa als Minierraupe – Dornenkronen und Distelköpfe der Eifersucht
- Achtzehntes Kapitel: Nachsommer der Ehe – Vorbereitungen zum Sterben
- Neunzehntes Kapitel: Das Gespenst – Heimziehen der Gewitter im August oder letzter Zank – Kleider der Kinder Israel
- Zwanzigstes Kapitel: Der Schlagfluß – der Obersanitätrat – der Landschreiber – das Testament – der Rittersprung – der Frühprediger Reuel – der zweite Schlagfluß
- Einundzwanzigstes Kapitel: Dr. Oelhafen und das medizinische Chaussieren – Trauer-Administration – der rettende Totenkopf – Friedrich II. Und Standrede
- Zweiundzwanzigstes Kapitel: Durchreise durch Fantaisie – Wiederfund auf dem Bindlocher Berg – Berneck, Menschen-Verdoppeln – Gefrees, Kleiderwechsel – Münchberg, Pfeifstück – Hof, der fröhliche Stein und Doppel-Abschied samt Töpen
- Dreiundzwanzigstes Kapitel: Tage in Vaduz – Nataliens Brief – ein Neujahrwunsch – Wildnis des Schicksals und des Herzens
- Vierundzwanzigstes Kapitel: Nachrichten aus Kuhschnappel – Antiklimax der Mädchen – Eröffnung der sieben Siegel
- Fünfundzwanzigstes und letztes Kapitel: Die Reise – der Gottesacker – das Gespenst – das Ende des Elendes und des Buchs
Sonnenschein
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Als Sonnenschein wird zweierlei bezeichnet: der Lichtschein der Sonne (also die Wirkung der Sonnenstrahlen auf die Erde), und eine Wetterlage mit geringer Bewölkung. Sonnenschein herrscht, wenn die zwischen Sonnenauf- und Untergang – also bei Tag – von der Sonne kommenden Lichtstrahlen die Erdoberfläche erreichen.
Inhaltsverzeichnis |
Physikalisch-biologische Aspekte
Wird die Sonne während des Tages durch Wolken oder andere Objekte verdeckt, so werfen diese einen Schatten auf die Erdoberfläche. In den beschatteten Gebieten herrscht aber keineswegs Dunkelheit, weil es auch dort zu diffuser Reflexion in der Atmosphäre kommt. Je höher und klarer die Luft ist, desto mehr unterscheidet sich aber die Himmelshelligkeit bei sonnigem und bei bedecktem Wetter. Auch deshalb wirken nahende Gewitterwolken im Gebirge bedrohlicher als anderswo.
Auch in der Nacht herrscht keine völlige Dunkelheit, so bildet das Licht des Mondes den Mondschein.
Unser Auge passt sich der Helligkeit der Umgebung so gut an, dass es uns nur selten bewusst wird. Physikalisch bemerkbar ist dies aber an der Iris, die bei Sonnenschein eine viel geringere Öffnung zeigt, als bei Bewölkung. Dieses in der Natur vielfach zu beobachtende Prinzip (sogar an Blattöffnungen der Pflanzen) ist auch bei der Belichtungs-Automatik von Fotoapparaten realisiert, welche die bei Sonnenschein große Lichtmenge entweder durch eine kleinere Blende oder eine kürzere Verschluss- bzw. Belichtungszeit verringern.
Sonnenschein und Sonnenenergie
Unter Globalstrahlung versteht man die pro waagerechte Fläche eintreffende gesamte Strahlungsleistung der Sonne in W/m2. Sie setzt sich aus direkter Sonnenenstrahlung und diffus an Wolken und Lufthülle gestreuter Strahlung zusammen und wird mit einem Pyrheliometer gemessen.
Für Deutschland ergibt sich ein für Tag/Nacht, geographischer Breite, Sonnenschein/Bewölkung gemittelter Wert von 110 W/m². Bei Sonnenschein ist dieser Wert am höchsten.
- Sonnenschein, klarer bis leicht diffuser Himmel
- Sommer: 600–1000 W/m²
- Winter: 300–500 W/m²
- Sonnenschein bei leichter bis mittlerer Bewölkung
- Sommer: 300–600 W/m²
- Winter: 150–300 W/m²
- stark bewölkt bis nebelig-trüb
- Sommer: 100–300 W/m²
- Winter: 50–150 W/m²
Die meisten Pflanzen benutzen die Energie der Sonnenstrahlung zur Photosynthese, indem sie den Energiebedarf chemischer Synthesen durch Absorption von Licht decken. von jeher nutzt auch der Mensch die Sonnenenergie, etwa in der vom Klima geprägten Bauart seiner Gebäude, bei der Bereitung von Warmwasser (dunkle Gefäße) oder der Kühlung durch Verdunstung. In den letzten Jahrzehnten hat sich eine spezielle Solartechnik etabliert, die Wandlung der Sonnenenergie in Wärme durch sogenannte Sonnenkollektoren (siehe Solarthermie). Demgegenüber arbeitet die Photovoltaik durch ihre direkte Umwandlung in elektrische Energie (siehe Solarstrom).
Sonnenscheindauer
In der Geografie wird oft mit einer theoretischen Zeitdauer gerechnet, in der eine wolkenlose und ungetrübt klare Atmosphäre, ungehindert von Bergen am Horizont, an einem bestimmten Ort Sonnenschein ermöglicht. Sie wird von den Geowissenschaftern als theoretische oder Astronomische Sonnenscheindauer bezeichnet. Sie hängt in erster Linie vom Breitengrad und der Jahreszeit ab, sowie im Gebirge oder Hügelland auch vom Landschaftshorizont des betreffenden Standorts. Die allfällige Abschattung durch Gebäude wird hingegen nicht in den Wert eingerechnet.
Die tatsächliche Sonnenscheindauer ist jedoch wesentlich kürzer und hängt entscheidend von der Klimazone ab. Großteils sind es Wolken, die den Sonnenschein verhindern, doch auch andere Ursachen wie Smog können dazu beitragen, dass das Sonnenlicht die Erdoberfläche nur gedämpft erreicht. Des Weiteren können Sandstürme oder die bei Vulkanausbrüchen in die Atmosphäre geschleuderten Vulkanische Aschen die Sonnenstrahlung dämpfen.
Die Sonnenscheindauer dient der näherungsweisen Abschätzung der Einstrahlung an einem bestimmten Ort und gibt gleichzeitig Hinweise auf Zeit und Stärke der Bewölkung.
Die tatsächliche Sonnenscheindauer ist als die Zeit definiert, während die Einstrahlung >120 W/m2 beträgt [1]
Sonnenscheindauer in Deutschland
Die durchschnittliche jährliche Sonnenscheindauer liegt in Deutschland je nach Ort zwischen 1300 und 1900 Stunden pro Jahr. Der Mittelwert sind 1550 Stunden Sonnenschein pro Jahr.
- Höchste jährliche Sonnenscheindauer: 2329 Stunden im Jahr 1959 auf dem Klippeneck am südlichen Rand der Schwäbischen Alb (973 m)
- Geringste jährliche Sonnenscheindauer: 929,1 Stunden im Jahr 1995 in Ruhpolding/Chiemgau (700 m)
- Höchste monatliche Sonnenscheindauer: 403 Stunden im Juli 1994, Kap Arkona/Rügen
- Geringste monatliche Sonnenscheindauer: 0 Stunden im Dezember 1965 Großer Inselsberg (914 m, Thüringer Wald).
Statistisch nimmt auf den meisten Kontinenten die Sonnenscheindauer mit abnehmender geografischer Breite zu. Ausnahmen sind die Tropen und teilweise die Polargebiete. Bereits in Österreich liegt die Sonnenscheindauer im Schnitt um etwa 10% höher als in Deutschland.
Spitzenwerte der Sonnenscheindauer weltweit
An einigen besonderen Orten scheint die Sonne an fast jedem Tag des Jahres. Lediglich in der Sprache der australischen Ureinwohner (Aborigine) existiert mit der Bezeichnung „Alunga“ ein Wort für einen Ort mit mehr als 300 Tagen Sonnenschein im Jahr. Zu den internationalen Spitzenreitern der Sonnenscheindauer gehören:
- Boulder (Colorado) – 300 Tage Sonnenschein
- Digne-les-Bains – 300 Tage
- Phoenix (Arizona) – 300 Tage
- Kreta – 300 Tage
- Calvià Isla Baleares – 300 Tage
- Naturns – 315 Tage
- Sal (Kap Verde) – 350 Tage
- Santa María del Yocavil – 360 Tage
Heliograph nach Campbell-Stokes
Messverfahren
Das gängigste Messgerät für die Sonnenscheindauer ist der Sonnenscheinautograph nach Campbell-Stokes. Bei diesem Gerät werden die Sonnenstrahlen durch eine Linse gebündelt, sodass sie in einem Papierstreifen eine Spur einbrennen. Aus der Länge der Brennspur lässt sich die Sonnenscheindauer bis auf eine zehntel Stunde genau ablesen. Die Streifen werden täglich gewechselt.
Heutzutage werden auch photoelektrische Sensoren für die Sonnenscheindauer-Messung eingesetzt. Die Sensoren messen die Sonnenscheindauer indirekt. Sie messen die Bestrahlungsstärke; wenn diese den international festgelegten Grenzwert von 120 W/m2 überschreitet, wird Sonnenschein angenommen und ein Signal ausgegeben.
Insgesamt nehmen in Deutschland u.a. rund 270 Stationen des Deutschen Wetterdienstes Sonnenscheinmessungen vor.
Weblinks
| Wiktionary: Sonnenschein – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen |
- Java-Sonnenschein-Applet mit der Möglichkeit der Berechnung verschiedenster Größen, zum Beispiel der Strahlungsintensität
- sonnenscheindauer.de – Eine Facharbeit zur theoretischen Sonnenscheindauer
Siehe auch
- Diese Seite wurde zuletzt am 7. Juli 2007 um 20:24 Uhr geändert.
- Ihr Inhalt steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation.
Wikipedia® ist eine eingetragene Marke der Wikimedia Foundation Inc.
Bibliografische Angaben für „Sonnenschein“
- Seitentitel: Sonnenschein
- Herausgeber: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
- Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
- Datum der letzten Bearbeitung: 7. Juli 2007, 19:24 UTC
- Versions-ID der Seite: 34119586
- Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sonnenschein&oldid=34119586
- Datum des Abrufs: 27. Dezember 2007, 13:49 UTC























