Bauernregel Sonnabend 23. Februar 2008
I
Weit fort, im südlichen Italien war es. -
Du schautest vom Altane in den Garten
Auf weiterhellte, festbelebte Wege.
Dann hob dein Auge sich, und deine Seele
Verlor sich in das Schweigen ferner Landschaft:
Im Meer des Mondenlichtes liegen still
Die weißen Schlösser, Schiffen gleich, vor Anker.
Es dunkeln, Inseln, die Zypressenhaine,
Wo Liebesworte und Gitarrenklang
Im gleichen Fall der Brunnen sich vermischen.
Wie lange willst du träumen, deutsche Frau,
Von glutdurchtränkter Nacht des Romeo?
Weckt dir Erinnerung nicht liebe Bilder
Aus unbarmherzig strenger Winternacht,
Die mit gesenktem Augenlid umdämmert
Die Hünengräber deines rauhen Strandes?
II
Im Nebelnorden, an der Ostseeküste,
Abseits der Städte und der großen Straßen,
Schläft einsam und vergessen, halb verweht
Im Schnee, von harten Stürmen oft gezaust,
Ein kleines Gut. Zwei ungeschlachte Riesen,
Uralte Tannen, strecken ihre Arme
Wie Speere vor zum Schutz des Herrenhauses.
Unhörbar, drinnen auf dem Smyrnateppich,
Geht eine junge Dame auf und nieder.
Bisweilen bleibt sie stehn, schraubt an der Lampe,
Schiebt auf dem Bechstein an das Notenpult
Die schweren Bronzekandelaber näher,
Zupft im Vorübergehen an der Decke
Des Sofatisches, horcht, und wandert, horcht,
Die grauen Augen auf die Tür gerichtet.
Bis endlich ihre schwere Stirn ein Schwarm
Von Sommervögeln lustig überflattert.
Nun schreitet langsam auf dem warmen Teppich
Ein Pärchen, angeschmiedet, auf und nieder.
Behaglichkeit, das Kätzchen, schnurrt im Zimmer,
Indessen draußen in der Winternacht,
Ein Abglanz von den Schilden Schlachterschlagner,
Die fleißig in Walhall den Humpen schwingen,
Die blassen Strahlenbündel eines Nordlichts
Am strengen Himmel Odins sich ergießen.
Und auf der toten Heide bellt der Fuchs.
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| author | Projekt Gutenberg-DE |
| type | poem |
| booktitle | Gedichte |
| author | Detlev von Liliencron |
| year | 1997 |
| publisher | Philipp Reclam jun. |
| address | Stuttgart |
| isbn | 3 15 007694 3 |
| title | Italienische Nacht |
| sender | gerd.bouillon@t-online.de |
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Hugo von Hofmannsthal
Das Märchen der 672. Nacht
Ein junger Kaufmannssohn, der sehr schön war und weder Vater noch Mutter hatte, wurde bald nach seinem fünfundzwanzigsten Jahre der Geselligkeit und des gastlichen Lebens überdrüssig. Er versperrte die meisten Zimmer seines Hauses und entließ alle seine Diener und Dienerinnen, bis auf vier, deren Anhänglichkeit und ganzes Wesen ihm lieb war. Da ihm an seinen Freunden nichts gelegen war und auch die Schönheit keiner einzigen Frau ihn so gefangen nahm, daß er es sich als wünschenswert oder nur als erträglich vorgestellt hätte, sie immer um sich zu haben, lebte er sich immer mehr in ein ziemlich einsames Leben hinein, welches anscheinend seiner Gemütsart am meisten entsprach. Er war aber keineswegs menschenscheu, vielmehr ging er gerne in den Straßen oder öffentlichen Gärten spazieren und betrachtete die Gesichter der Menschen. Auch vernachlässigte er weder die Pflege seines Körpers und seiner schönen Hände noch den Schmuck seiner Wohnung. Ja, die Schönheit der Teppiche und Gewebe und Seiden, der geschnitzten und getäfelten Wände, der Leuchter und Becken aus Metall, der gläsernen und irdenen Gefäße wurde ihm so bedeutungsvoll, wie er es nie geahnt hatte. Allmählich wurde er sehend dafür, wie alle Formen und Farben der Welt in seinen Geräten lebten. Er erkannte in den Ornamenten, die sich verschlingen, ein verzaubertes Bild der verschlungenen Wunder der Welt. Er fand die Formen der Tiere und die Formen der Blumen und das Übergehen der Blumen in die Tiere; die Delphine, die Löwen und die Tulpen, die Perlen und den Akanthus; er fand den Streit zwischen der Last der Säule und dem Widerstand des festen Grundes und das Streben alles Wassers nach aufwärts und wiederum nach abwärts; er fand die Seligkeit der Bewegung und die Erhabenheit der Ruhe, das Tanzen und das Totsein; er fand die Farben der Blumen und Blätter, die Farben der Felle wilder Tiere und der Gesichter der Völker, die Farbe der Edelsteine, die Farbe des stürmischen und des ruhig leuchtenden Meeres; ja, er fand den Mond und die Sterne, die mystische Kugel, die mystischen Ringe und an ihnen festgewachsen die Flügel der Seraphim. Er war für lange Zeit trunken von dieser großen, tiefsinnigen Schönheit, die ihm gehörte, und alle seine Tage bewegten sich schöner und minder leer unter diesen Geräten, die nichts Totes und Niedriges mehr waren, sondern ein großes Erbe, das göttliche Werk aller Geschlechter.
Doch er fühlte ebenso die Nichtigkeit aller dieser Dinge wie ihre Schönheit; nie verließ ihn auf lange der Gedanke an den Tod und oft befiel er ihn unter lachenden und lärmenden Menschen, oft in der Nacht, oft beim Essen.
Aber da keine Krankheit in ihm war, so war der Gedanke nicht grauenhaft, eher hatte er etwas Feierliches und Prunkendes und kam gerade am stärksten, wenn er sich am Denken schöner Gedanken oder an der Schönheit seiner Jugend und Einsamkeit berauschte. Denn oft schöpfte der Kaufmannssohn einen großen Stolz aus dem Spiegel, aus den Versen der Dichter, aus seinem Reichtum und seiner Klugheit, und die finsteren Sprichwörter drückten nicht auf seine Seele. Er sagte: »Wo du sterben sollst, dahin tragen dich deine Füße«, und sah sich schön, wie ein auf der Jagd verirrter König, in einem unbekannten Wald unter seltsamen Bäumen einem fremden wunderbaren Geschick entgegengehen. Er sagte: »Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod« und sah jenen langsam heraufkommen über die von geflügelten Löwen getragene Brücke des Palastes, des fertigen Hauses, angefüllt mit der wundervollen Beute des Lebens.
Er wähnte, völlig einsam zu leben, aber seine vier Diener umkreisten ihn wie Hunde und obwohl er wenig zu ihnen redete, fühlte er doch irgendwie, daß sie unausgesetzt daran dachten, ihm gut zu dienen. Auch fing er an, hie und da über sie nachzudenken.
Die Haushälterin war eine alte Frau; ihre verstorbene Tochter war des Kaufmannssohns Amme gewesen; auch alle ihre anderen Kinder waren gestorben. Sie war sehr still und die Kühle des Alters ging von ihrem weißen Gesicht und ihren weißen Händen aus. Aber er hatte sie gern, weil sie immer im Hause gewesen war und weil die Erinnerung an die Stimme seiner eigenen Mutter und an seine Kindheit, die er sehnsüchtig liebte, mit ihr herumging.
Sie hatte mit seiner Erlaubnis eine entfernte Verwandte ins Haus genommen, die kaum fünfzehn Jahre alt war; diese war sehr verschlossen. Sie war hart gegen sich und schwer zu verstehen. Einmal warf sie sich in einer dunklen und jähen Regung ihrer zornigen Seele aus einem Fenster in den Hof, fiel aber mit dem kinderhaften Leib in zufällig aufgeschüttete Gartenerde, so daß ihr nur ein Schlüsselbein brach, weil dort ein Stein in der Erde gesteckt hatte. Als man sie in ihr Bett gelegt hatte, schickte der Kaufmannssohn seinen Arzt zu ihr; am Abend aber kam er selber und wollte sehen, wie es ihr ginge. Sie hielt die Augen geschlossen und er sah sie zum ersten Male lange ruhig an und war erstaunt über die seltsame und altkluge Anmut ihres Gesichtes. Nur ihre Lippen waren sehr dünn und darin lag etwas Unschönes und Unheimliches. Plötzlich schlug sie die Augen auf, sah ihn eisig und bös an und drehte sich mit zornig zusammengebissenen Lippen, den Schmerz überwindend, gegen die Wand, so daß sie auf die verwundete Seite zu liegen kam. Im Augenblick verfärbte sich ihr totenblasses Gesicht ins Grünlichweiße, sie wurde ohnmächtig und fiel wie tot in ihre frühere Lage zurück.
Als sie wieder gesund war, redete der Kaufmannssohn sie durch lange Zeit nicht an, wenn sie ihm begegnete. Ein paarmal fragte er die alte Frau, ob das Mädchen ungern in seinem Hause wäre, aber diese verneinte es immer. Den einzigen Diener, den er sich entschlossen hatte, in seinem Hause zu behalten, hatte er kennengelernt, als er einmal bei dem Gesandten, den der König von Persien in dieser Stadt unterhielt, zu Abend speiste. Da bediente ihn dieser und war von einer solchen Zuvorkommenheit und Umsicht und schien gleichzeitig von so großer Eingezogenheit und Bescheidenheit, daß der Kaufmannssohn mehr Gefallen daran fand, ihn zu beobachten, als auf die Reden der übrigen Gäste zu hören. Um so größer war seine Freude, als viele Monate später dieser Diener auf der Straße auf ihn zutrat, ihn mit demselben tiefen Ernst, wie an jenem Abend, und ohne alle Aufdringlichkeit grüßte und ihm seine Dienste anbot. Sogleich erkannte ihn der Kaufmannssohn an seinem düsteren, maulbeerfarbigen Gesicht und an seiner großen Wohlerzogenheit. Er nahm ihn augenblicklich in seinen Dienst, entließ zwei junge Diener, die er noch bei sich hatte, und ließ sich fortan beim Speisen und sonst nur von diesem ernsten und zurückhaltenden Menschen bedienen. Dieser Mensch machte fast nie von der Erlaubnis Gebrauch, in den Abendstunden das Haus zu verlassen. Er zeigte eine seltene Anhänglichkeit an seinen Herrn, dessen Wünschen er zuvorkam und dessen Neigungen und Abneigungen er schweigend erriet, so daß auch dieser eine immer größere Zuneigung für ihn faßte.
Wenn er sich auch nur von diesem beim Speisen bedienen ließ, so pflegte die Schüsseln mit Obst und süßem Backwerk doch eine Dienerin aufzutragen, ein junges Mädchen, aber doch um zwei oder drei Jahre älter als die Kleine. Dieses junge Mädchen war von jenen, die man von weitem, oder wenn man sie als Tänzerinnen beim Licht der Fackeln auftreten sieht, kaum für sehr schön gelten ließe, weil da die Feinheit der Züge verloren geht; da er sie aber in der Nähe und täglich sah, ergriff ihn die unvergleichliche Schönheit ihrer Augenlider und ihrer Lippen und die trägen, freudlosen Bewegungen ihres schönen Leibes waren ihm die rätselhafte Sprache einer verschlossenen und wundervollen Welt.
Wenn in der Stadt die Hitze des Sommers sehr groß wurde und längs der Häuser die dumpfe Glut schwebte und in den schwülen, schweren Vollmondnächten der Wind weiße Staubwolken in den leeren Straßen hintrieb, reiste der Kaufmannssohn mit seinen vier Dienern nach einem Landhaus, das er im Gebirg besaß, in einem engen, von dunklen Bergen umgebenen Tal. Dort lagen viele solche Landhäuser der Reichen. Von beiden Seiten fielen Wasserfälle in die Schluchten herunter und gaben Kühle. Der Mond stand fast immer hinter den Bergen, aber große weiße Wolken stiegen hinter den schwarzen Wänden auf, schwebten feierlich über den dunkelleuchtenden Himmel und verschwanden auf der anderen Seite. Hier lebte der Kaufmannssohn sein gewohntes Leben in einem Haus, dessen hölzerne Wände immer von dem kühlen Duft der Gärten und der vielen Wasserfälle durchstrichen wurden. Am Nachmittag, bis die Sonne hinter den Bergen hinunterfiel, saß er in seinem Garten und las meist in einem Buch, in welchem die Kriege eines sehr großen Königs der Vergangenheit aufgezeichnet waren. Manchmal mußte er mitten in der Beschreibung, wie die Tausende Reiter der feindlichen Könige schreiend ihre Pferde umwenden oder ihre Kriegswagen den steilen Rand eines Flusses hinabgerissen werden, plötzlich innehalten, denn er fühlte, ohne hinzusehen, daß die Augen seiner vier Diener auf ihn geheftet waren. Er wußte, ohne den Kopf zu heben, daß sie ihn ansahen, ohne ein Wort zu reden, jedes aus einem anderen Zimmer. Er kannte sie so gut. Er fühlte sie leben, stärker, eindringlicher, als er sich selber leben fühlte. Über sich empfand er zuweilen leichte Rührung oder Verwunderung, wegen dieser aber eine rätselhafte Beklemmung. Er fühlte mit der Deutlichkeit eines Alpdrucks, wie die beiden Alten dem Tod entgegenlebten, mit jeder Stunde, mit dem unaufhaltsamen leisen Anderswerden ihrer Züge und ihrer Gebärden, die er so gut kannte; und wie die beiden Mädchen in das öde, gleichsam lustlose Leben hineinlebten. Wie das Grauen und die tödliche Bitterkeit eines furchtbaren, beim Erwachen vergessenen Traumes, lag ihm die Schwere ihres Lebens, von der sie selber nichts wußten, in den Gliedern.
Manchmal mußte er aufstehen und umhergehen, um seiner Angst nicht zu unterliegen. Aber während er auf den grellen Kies vor seinen Füßen schaute und mit aller Anstrengung darauf achtete, wie aus dem kühlen Duft von Gras und Erde der Duft der Nelken in hellen Atemzügen zu ihm aufflog und dazwischen in lauen übermäßig süßen Wolken der Duft der Heliotrope, fühlte er ihre Augen und konnte an nichts anderes denken. Ohne den Kopf zu heben, wußte er, daß die alte Frau an ihrem Fenster saß, die blutlosen Hände auf dem von der Sonne durchglühten Gesims, das blutlose, maskenhafte Gesicht eine immer grauenhaftere Heimstätte für die hilflosen schwarzen Augen, die nicht absterben konnten. Ohne den Kopf zu heben, fühlte er, wenn der Diener für Minuten von seinem Fenster zurücktrat und sich an einem Schrank zu schaffen machte; ohne aufzusehen, erwartete er in heimlicher Angst den Augenblick, wo er wiederkommen werde. Während er mit beiden Händen biegsame Äste hinter sich zurückfallen ließ, um sich in der verwachsensten Ecke des Gartens zu verkriechen und alle Gedanken auf die Schönheit des Himmels drängte, der in kleinen leuchtenden Stücken von feuchtem Türkis von oben durch das dunkle Genetz von Zweigen und Ranken herunterfiel, bemächtigte sich seines Blutes und seines ganzen Denkens nur das, daß er die Augen der zwei Mädchen auf sich gerichtet wußte, die der Größeren träge und traurig, mit einer unbestimmten, ihn quälenden Forderung, die der Kleineren mit einer ungeduldigen, dann wieder höhnischen Aufmerksamkeit, die ihn noch mehr quälte. Und dabei hatte er nie den Gedanken, daß sie ihn unmittelbar ansahen, ihn, der gerade mit gesenktem Kopfe umherging, oder bei einer Nelke niederkniete, um sie mit Bast zu binden, oder sich unter die Zweige beugte; sondern ihm war, sie sahen sein ganzes Leben an, sein tiefstes Wesen, seine geheimnisvolle menschliche Unzulänglichkeit.
Eine furchtbare Beklemmung kam über ihn, eine tödliche Angst vor der Unentrinnbarkeit des Lebens. Furchtbarer, als daß sie ihn unausgesetzt beobachteten, war, daß sie ihn zwangen, in einer unfruchtbaren und so ermüdenden Weise an sich selbst zu denken. Und der Garten war viel zu klein, um ihnen zu entrinnen. Wenn er aber ganz nahe von ihnen war, erlosch seine Angst so völlig, daß er das Vergangene beinahe vergaß. Dann vermochte er es, sie gar nicht zu beachten oder ruhig ihren Bewegungen zuzusehen, die ihm so vertraut waren, daß er aus ihnen eine unaufhörliche, gleichsam körperliche Mitempfindung ihres Lebens empfing.
Das kleine Mädchen begegnete ihm nur hie und da auf der Treppe oder im Vorhaus. Die drei anderen aber waren häufig mit ihm in einem Zimmer. Einmal erblickte er die Größere in einem geneigten Spiegel; sie ging durch ein erhöhtes Nebenzimmer: In dem Spiegel aber kam sie ihm aus der Tiefe entgegen. Sie ging langsam und mit Anstrengung, aber ganz aufrecht: Sie trug in jedem Arme eine schwere hagere indische Gottheit aus dunkler Bronze. Die verzierten Füße der Figuren hielt sie in der hohlen Hand, von der Hüfte bis an die Schläfe reichten ihr die dunklen Göttinnen und lehnten mit ihrer toten Schwere an den lebendigen zarten Schultern; die dunklen Köpfe aber mit dem bösen Mund von Schlangen, drei wilden Augen in der Stirn und unheimlichem Schmuck in den kalten, harten Haaren, bewegten sich neben den atmenden Wangen und streiften die schönen Schläfen im Takt der langsamen Schritte. Eigentlich aber schien sie nicht an den Göttinnen schwer und feierlich zu tragen, sondern an der Schönheit ihres eigenen Hauptes mit dem schweren Schmuck aus lebendigem, dunklem Gold, zwei großen gewölbten Schnecken zu beiden Seiten der lichten Stirn, wie eine Königin im Kriege. Er wurde ergriffen von ihrer großen Schönheit, aber gleichzeitig wußte er deutlich, daß es ihm nichts bedeuten würde, sie in seinen Armen zu halten. Er wußte es überhaupt, daß die Schönheit seiner Dienerin ihn mit Sehnsucht, aber nicht mit Verlangen erfüllte, so daß er seine Blicke nicht lange auf ihr ließ, sondern aus dem Zimmer trat, ja auf die Gasse, und mit einer seltsamen Unruhe zwischen den Häusern und Gärten im schmalen Schatten weiterging. Schließlich ging er an das Ufer des Flusses, wo die Gärtner und Blumenhändler wohnten, und suchte lange, obgleich er wußte, daß er vergeblich suchen werde, nach einer Blume, deren Gestalt und Duft, oder nach einem Gewürz, dessen verwehender Hauch ihm für einen Augenblick genau den gleichen süßen Reiz zu ruhigem Besitz geben könnte, welcher in der Schönheit seiner Dienerin lag, die ihn verwirrte und beunruhigte. Und während er ganz vergeblich mit sehnsüchtigen Augen in den dumpfen Glashäusern umherspähte und sich im Freien über die langen Beete beugte, auf denen es schon dunkelte, wiederholte sein Kopf unwillkürlich, ja schließlich gequält und gegen seinen Willen, immer wieder die Verse des Dichters: »In den Stielen der Nelken, die sich wiegten, im Duft des reifen Kornes erregtest du meine Sehnsucht; aber als ich dich fand, warst du es nicht, die ich gesucht hatte, sondern die Schwestern deiner Seele.«
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | narrative |
| booktitle | Das Märchen der 672. Nacht / Reitergeschichte / Erlebnis des Marschalls von Bassompierre |
| author | Hugo von Hofmannsthal |
| year | 1998 |
| publisher | Fischer Taschenbuch Verlag |
| address | Frankfurt am Main |
| isbn | 3-596-13136-7 |
| title | Das Märchen der 672. Nacht |
| pages | 01.07.17 |
| created | 19990530 |
| sender | gerd.bouillon@t-online.de |
| firstpub | 1895 |
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Nacht
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Die Erde bei Nacht (Fotomontage)
Einbruch der Nacht in Europa. Künstliches Bild für 7. Mai, 18:45 Weltzeit (20:45 MESZ)
Als Nacht bezeichnet man allgemein den Teil eines Tages zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, also den Zeitraum, in dem die Sonne für den Standort eines Beobachters unter dem Horizont steht.
Im streng astronomischen Sinn ist die Nacht die Zeit völliger Dunkelheit, also zwischen dem Ende der astronomischen Dämmerung am Abend (etwa 1½ Stunden nach Sonnenuntergang) und deren Beginn am Morgen. Der Übergang zwischen Tag- und Nachtseite der Erde oder von Planeten heißt Terminator (Tag-Nacht-Grenze); er verbreitert sich zu einer Dämmerungszone, wenn der Himmelskörper eine merkliche Atmosphäre besitzt.
Nachthimmel ist eine Bezeichnung für den Anblick des Himmels bei Nacht. Am Nachthimmel zeigen sich zumindest in klaren Nächten die Sterne, die tagsüber von der Sonne überstrahlt werden (siehe Sternhimmel).
Für die meisten Menschen ist die Nacht die Zeit des Schlafes, hingegen für nachtaktive Tiere wie Eulen, Fledermäuse, viele Insekten usw. die Zeit der Aktivität. Die meisten Länder haben eine Reihe von Lärm- und anderen Schutzbestimungen für die Nachtzeit und für notwendige Nachtdienste.
Inhaltsverzeichnis |
Dunkelheit am Nachthimmel
Die wichtigste Eigenschaft der Nacht ist die Dunkelheit und damit zusammenhängende biologische Vorgänge wie Nachtruhe, Stille und die Einschränkung des menschlichen Sehens auf die Wahrnehmung von Schwarz-Weiß. Zur Farbwahrnehmung kommt es nur bei Flächenhelligkeiten über einigen Hundertstel Lux und bei den hellsten Sternen (siehe auch photopisches Sehen).
Selbst bei klarem, mondlosem Nachthimmel ohne Fremdbeleuchtung ist der Himmel nicht vollständig schwarz. Verantwortlich für die Aufhellung sind das Rekombinationsleuchten der Moleküle der Atmosphäre, die tagsüber von der Sonne ionisiert wurden. Dies tritt insbesondere bei Sauerstoff, Stickstoff und Natrium auf. Weitere natürliche Lichtquellen sind das Zodiakallicht und die Streuung von terrestrischem und Sternenlichts in niedrigen Atmosphärenschichten (Troposphäre). Die Helligkeit des Nachthimmels ist dadurch vergleichbar der eines Sterns der scheinbaren Helligkeit von 22m, weshalb lichtschwächere Sterne von der Erde aus nicht beobachtet werden können.
Eine wesentliche Frage für die Fortentwicklung der Astronomie war die von Heinrich Wilhelm Olbers: Warum ist der Nachthimmel dunkel? Sie führt zum Olbersschen Paradoxon. Der dunkle Nachthimmel ist mit der Newtonschen Physik nicht oder nur sehr schwer zu erklären, da man bei einem unendlich großen Universum in jeder Richtung irgendwann auf einen Stern stoßen müsste, die insgesamt einen taghellen Nachthimmel ergäben.
Die Angst vor der Nacht bzw. der Dunkelheit bezeichnet man als Nyktophobie; sie wird auch durch Schutzmaßnahmen wie Nachtwächter oder sonstige Überwachung kaum geringer. Im übertragenen Sinn spricht man auch von Nacht, wenn jemand durch eine Phase seelischer Dunkelheit hindurchmuss.
Beleuchtung
Natürliche Beleuchtung
Am Nachthimmel ist eine Reihe von natürlichen Lichtquellen – ständig oder zeitweise – sichtbar. Dazu gehören neben dem bereits erwähnten Zodiakallicht:
-
- das Sternenlicht (siehe Sterne und Planeten)
- das Mondlicht,
- das Polarlicht und Leuchtende Nachtwolken
die je nach Standort, Zustand der Atmosphäre und Bewölkung unterschiedliche Lichtstärken entfalten können.
Das Sternenlicht ist heute durch die zunehmende Luft- und Lichtverschmutzung stellenweise stark eingeschränkt. In unseren Breiten liegt dessen Lichtstärke in der Regel unter 0,03 Lux, das heißt die Grenze wird unterschritten, bei der das menschliche Auge noch Einzelheiten unterscheiden und Farben sehen kann. Das Mondlicht hat eine Stärke zwischen 0,2 und 1,0 Lux, zum Vergleich: ein sonniger Tag erreicht 32.000 bis 100.000 Lux. In den Bereichen um die beiden Pole, seltener auch bis in mittlere Breiten, sorgt in manchen Nächten das Polarlicht für eine Lichtstärke, die 1,0 Lux deutlich überschreiten kann.
Künstliche Beleuchtung
Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden Lichtquellen entwickelt, um die Dunkelheit der Nacht aufzuheben. Zuerst wurde die Dunkelheit mit Feuern, dann mit Fackeln und Kerzen, später mit Glühlampen, Leuchtstoffröhren, und vor allem im Außenbereich mit bläulichen Quecksilberdampflampen oder Natriumdampflampen mit ihrem charakteristischen, gelblichen Licht erhellt. Quecksilber- und Natriumdampflampen sind auf dem nebenstehenden Bild gut zu erkennen.
Dresden bei Nacht
Diese Entwicklung veränderte viele Lebensbereiche der Menschen. Sie gingen nicht mehr mit Anbruch der Dunkelheit schlafen, sondern konnten mit dem Licht bis spät in die Nacht aktiv bleiben.
- Siehe auch: Subjektiver Tag
Außenbereiche werden mit Laternen beleuchtet, damit sich der Verkehr auch nachts ungehindert bewegen kann, um ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln oder aus dekorativen Gründen. Die ersten Städte, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine künstliche Straßenbeleuchtung mit Gaslampen einführten, waren London, Amsterdam und Paris. Heute spricht man bereits von „Lichtverschmutzung„. Durch die vielen Beleuchtungen macht der Mensch die Nacht zum Tag. Die Reflexionen aller Lichtquellen am Boden erhellt den Himmel so stark, dass in größeren Städten die Sterne kaum mehr sichtbar sind. Ein weiteres Problem der Lichtverschmutzung ist der störende Einfluss auf nachtaktive Tiere, insbesondere auf Insekten, die von den Lichtquellen angezogen werden.
Hinderlich ist der aufgehellte Himmel auch für Astronomen, weil er trotz größer werdender Teleskope immer mehr Sterne und insbesondere flächenhafte Himmelsobjekte überstrahlt. Hobbyastronomen müssen sich entlegene Winkel suchen, und moderne Observatorien können nur noch fernab der Zivilisation errichtet werden.
- Siehe auch: Lichtstreuung, Lichtverschmutzung
Meteorologie
Aus Sicht der Meteorologie ist die Nacht vor allem mit der Ausstrahlung der Erdoberfläche und der damit einhergehenden Erniedrigung der Boden- und Lufttemperatur verbunden. Es kommt daher in der Nacht bei ausreichender Luftfeuchtigkeit zu Phänomenen wie Tau, Nebel, Frost oder Reif. Am frühen Morgen, also wenn all diese Phänomene mit zunehmender Helligkeit auch für den Menschen sichtbar werden, hat sich i.a. das 24-stündige Temperaturminimum eingestellt. Es tritt meist knapp vor Sonnenaufgang ein und lässt sich annähernd über die Taupunktregel errechnen.
Nacht in der Jagd
Für bestimmte Wildarten gilt in Deutschland zur Nacht ein Jagdverbot, hierfür wird die Nacht folgendermaßen definiert: Der Zeitraum 1,5 Stunden nach Sonnenuntergang bis 1,5 Stunden vor Sonnenaufgang. (§19 BJG)
Nacht in der Luftfahrt
Aufgrund erhöhter Anforderungen an den Luftfahrzeugführer während eines Nachtfluges, bedarf es zum Führen eines Luftfahrzeuges bei Nacht einer besonderen Einweisung zum Erwerb der so genannten Nachtflugqualifikation (NFQ).
In Europa (im Zuständigkeitsbereich der europäischen Luftfahrtbehörde JAA) wird die Nacht für die Luftfahrt durch die Joint Aviation Requirements in JAR-FCL 1.001 deutsch wie folgt definiert: „Der Zeitraum zwischen dem Ende der bürgerlichen Abenddämmerung und dem Beginn der bürgerlichen Morgendämmerung oder jeder andere Zeitraum zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, der von der zuständigen Behörde festgelegt wird.“
In der Bundesrepublik Deutschland gilt nach der LuftVO als Nacht „der Zeitraum zwischen einer halben Stunde nach Sonnenuntergang und einer halben Stunde vor Sonnenaufgang“.
Félix Vallotton, Die Nacht
Nacht in den Geistes- und Sozialwissenschaften
Neben der Astronomie befassen sich zahlreiche Wissenschaften mit der Nacht, etwa die Literaturwissenschaft, weil es ein bedeutendes Motiv der Dichtung ist, oder die unter anderem von Hans-Werner Prahl bearbeitete „Soziologie der Nacht“. Auch viele Zusammensetzungen mit nahe liegender Bedeutung (zum Beispiel „Nachtseite“) oder fern liegender Bedeutung existieren (zum Beispiel „Nachtreiter“).
Nott, in der germanischen Mythologie die Personifikation der Nacht (Gem. von Peter Nicolai Arbo)
Mythische Aspekte
Die Nacht war im Volksglauben seit alters die Zeit der Geister, Teufel und Gespenster. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen hatten die dunklen Wesen besondere Macht. Im Englischen heißt diese Periode „dead of night“ oder „death hour“ (Todesstunde), im Lateinischen „intempesta“ (ohne Zeit) und man nahm an, dass zu dieser Zeit der Tod besonders viele Menschen zu sich nähme. Nach der Überlieferung trieben gerade in dieser Zeitspanne Dämonen und Hexen ihr Unwesen und die Herrschaft des Teufels auf Erden dauerte, wie zahlreichen Märchen und Sagen zu berichten wissen, von Mitternacht bis zum ersten Hahnenschrei bzw. bis zum ersten Glockenschlag 1 Uhr. Dabei galten bestimmte Nächte als besonders gefahrvoll, zum Beispiel die Nächte vor Johannis und Allerheiligen.
Es gab auch besonders gefürchtete Orte, die man nachts besonders zu meiden versuchte, zum Beispiel Kreuzwege, Galgen und Friedhöfe.
Literatur
Roger Enkirch; In der Stunde der Nacht, 2005 Lübbe-Verlag Bergisch Gladbach, ISBN 3-7857-2246-X
Nachts – Wege in andere Welten, Begleitband zur gleichn. Ausstellung im Hannoverschen Historischen Museum, 2004 Schmerse, V, ISBN 3926920351
Weblinks
Commons: Nacht – Bilder, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Nacht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
Wikiquote: Nacht – Zitate
Siehe auch
- Chronopsychologie: Nachtruhe, Schlafstörung, Tagesrhythmus
- Müdigkeit, Nachtmensch, Schichtarbeit, Mitternachtssonne
- Finsternis, Nachtsehen, Nachtaufnahme, Abend-, Sternhimmel
- nächtliche Abkühlung, Nachtabsenkung, Nachtleben, Nachtwache
- Nachtschattengewächse
Andere Sprachen
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Bibliografische Angaben für „Nacht“
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Bauernregel Freitag 22. Februar 2008
Der gute, von Galiläa zu einer Judenburg.
Da fanden sie in Kapharnaum einen Königsdiener,
Der brüstete sich prahlerisch, ein gewaltiger Bote
Des Kaisers zu sein. Er kam und sprach
Zu Simon Petrus: »Ich bin gesandt hieher,
Daß ich mahnen solle der Männer jeglichen
Des Kopfgelds wegen, das an des Kaisers Hof
Als Zins zu zahlen ist. Es zögert niemand
Der Gaubewohner, sie geben es willig
Aus der Menge der Schätze; euer Meister allein
Hat es unterlassen. Übel geliebt das wohl
Meinem hohen Herrn, wenn es am Hofe kund wird
Dem edeln Kaiser.« Da beeilte sich
Simon Petrus: er wollt es sagen gleich
Seinem holden Herrn. Da hatt es im Herzen
Schon der Waltende gewahrt: ihm mochte kein Wort
Verborgen bleiben: bis aufs kleinste wußt er
Der Menschen Gedanken. Dem hehren Degen gebot er,
Dem Simon Petrus, in den See sogleich
Eine Angel zu werfen: »Den ersten, den du da
Fängst, den Fisch, zieh aus der Flut zu dir
Und klüft ihm die Kinnlade: zwischen den Kiemen wirst du
Goldmünzen finden: mit diesem Gelde
Magst du den Mann befriedigen für meinen und deinen
Und jeglichen Zins, den er uns zahlen heißt.«
Das braucht’ er nicht erst zum andern Male
Ihm zu befehlen. Der gute Fischer ging,
Simon Petrus, und warf in den See
Hinab die Angel, und herauf zog er
Einen Fisch aus der Flut; sofort mit beiden Händen
Klüftet’ er ihm die Kinnlade und nahm aus den Kiemen
Die goldenen Münzen: damit tat er, wie des Gottessohns
Wort ihn angewiesen. Da ward des Waltenden
Kraft aufs neue kund, und daß künftig jeder
Willig und unweigerlich seinem weltlichen Herrn
Schoß und Schatzung, soviel ihm beschieden ist,
Zahle und zinse. Er zögere nicht damit,
Murre nicht mit seinem Mut, sondern sei ihm mild im Herzen,
Dien ihm in Demut: darin mag er Gottes
Willen wirken und des weltlichen Herrn
Huld sich erhalten.
| Name | Wert |
|---|---|
| type | poem |
| booktitle | Der Heliand |
| author | Anonym |
| translator | Karl Simrock |
| year | 1959 |
| publisher | Insel Verlag |
| address | Leipzig |
| title | Der Heliand |
| created | 20050523 |
| sender | gerd.bouillon |
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Summary
| Description |
Deutsch: Jesus und Apostel Simon Petrus, Matthäus-Evangelium 4.18-20
English: Jesus and Saint Peter, Gospel of Matthew 4.18-20
Français : Jésus et Saint Pierre, Évangile selon Matthieu 4.18-20
|
|---|---|
| Source | http://www.bbf.dipf.de/cgi-opac/bil.pl?t_direct=x&f_IDN=b0002285berl |
| Date | 1787 |
| Author | Ziegler |
Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Kanada und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
Karl Simrock
Die Fußwaschung
Zuvor sah da niemand
Wohl der Minne mehr, als er den Mannen erwies,
Den guten Jüngern. Ein Gastmahl bereitet’ er,
Setzte sie zu sich und sagt’ ihnen viel
Wahrer Worte. Gen Westen schritt der Tag,
Die Sonne zur Küste. Sieh, da gebot
Des Waltenden Wort, daß man ihm lautres Wasser
Im Becken brächte. Auf stand der Geborne des Herrn,
Der gute, vom Gastmahl und wusch den Jüngern
Mit seinen Händen die Füße, rieb mit dem Handtuch
Und trocknete sie verehrlich. Da sprach der Getreue,
Simon Petrus, zu dem Herrn: »Nicht paßlich scheint es mir,
Mein Fürst, du guter, daß du die Füße mir wäschest
Mit den heiligen Händen.« Da sprach sein Herr zu ihm,
Der Waltende: »Wenn du den Willen nicht hast,
Den Dienst zu empfangen, daß ich dir die Füße wasche
Aus gleicher Minne, wie ich diesen Männern
Verehrlich tue, so hast du nicht teil mit mir
Am Himmelreiche.« Da war das Herz gewandt
Dem Simon Petrus; er sprach: »So gebiete
Über meine Hände und Füße und über mein Haupt zumal,
Sie nach Gefallen zu waschen, daß ich fürder nur
Deine Huld habe und des Himmelreiches
Solchen Teil, wie mir, teurer Herr,
Deine Güte geben will.« Die Jünger Christs
Duldeten da die Diensterweisung,
Die Degen, geduldig, und was ihr Dienstherr tat,
Der mächtige, aus Minne. Noch mehr gedachte den Menschen
Fürder zu frommen das Friedenskind Gottes.
Er setzte sich zu den Gesellen und sagt’ ihnen viel
Langfördernden Rats.
Simon Petrus
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Simon Petrus (* in Galiläa, Datum unbekannt; † vermutlich in Rom um 65) war einer der ersten jüdischen Apostel, die Jesus von Nazaret in seine Nachfolge rief. Informationen über sein Leben überliefert hauptsächlich das Neue Testament. Dort ist Petrus erster Bekenner, aber auch Verleugner Jesu Christi, dann, nach den ältesten NT-Texten, der erste männliche Augenzeuge des Auferstandenen sowie Sprecher der Apostel und Leiter der Jerusalemer Urgemeinde.
Hinzu kommen spätantike Schriften von Kirchenvätern, wonach Petrus erster Bischof von Antiochia sowie Gründer und Haupt der Gemeinde von Rom gewesen und dort als Märtyrer hingerichtet worden sein soll. Ihre Historizität ist umstritten. Der Katholizismus führt den Primatsanspruch des römischen Bischofs und damit das Papsttum auf Petrus zurück („petrinisches Prinzip“). Innerhalb der katholischen und orthodoxen Tradition wird Petrus als Heiliger verehrt.
Albrecht Dürers Simon Petrus auf dem Apostelbild in der Münchner Alten Pinakothek
Inhaltsverzeichnis |
Neues Testament
Name
Nach allen Evangelien lautete sein Name Simon, nach Apg 15,14 EU und 2_Petr 1,1 EU in der Version Symeon. Paulus von Tarsus dagegen nannte ihn stets Kephas ohne Vornamen. Dieser Ausdruck ist eine Gräzisierung des aramäischen Wortes kefa כיפא, griechisch übersetzt πετρος (petros), latinisiert Petrus. Es bedeutet in beiden Sprachen gewöhnlich „Stein“, griechisch auch „Fels“ sowohl für Naturstein wie für einen behauenen Steinblock.[1]
Diesen Beinamen soll Jesus persönlich Simon verliehen haben; wo und wann er dies tat, überliefern die Evangelien unterschiedlich. Mt 16,18 EU erklärt den Beinamen mit Jesu Zusage an Petrus: Auf diesen Felsen will ich meine ecclesia bauen. Der Begriff ecclesia bedeutet „die Herausgerufene“ und wird auf die Gemeinschaft der erstberufenen Jesusanhänger, dann auch auf die Kirche insgesamt bezogen.
In Mt 16,17 EU spricht Jesus Simon als barjona an. Das aramäische bar jona bedeutet wörtlich „Sohn des Jona“. Joh 1,42 EU nennt jedoch einen Johannes als Vater Simons; dieser Name könnte den aramäischen Namen gräzisieren. Ob die Stelle auf den leiblichen oder den geistlichen Vater – hier Johannes der Täufer – anspielt, ist nicht klar. Als Adjektiv bedeutet barjona auch „impulsiv“, „unbeherrscht“. Dies gilt einigen Exegeten als Indiz für eine mögliche frühere Zugehörigkeit Simons zu den Zeloten. Denn im späteren Talmud wurden jüdische Freiheitskämpfer als barjonim (Plural) bezeichnet.
Herkunft und Berufung
Simon Petrus war Jude und stammte wie Jesus aus Galiläa. Er gehörte nach allen Evangelien zu den ersten Jüngern, die Jesus in seine Nachfolge berief. Alle Nachrichten über ihn folgen auf diese Berufung. Nur wenige Notizen beziehen sich auf seine Herkunft. Von seinem Vater wird nur der Name erwähnt; seine Mutter wird nicht genannt. Er hatte einen Bruder namens Andreas, den Jesus mit ihm berief. Diesen Bruder nennen alle Apostellisten an zweiter Stelle neben Simon: Daraus schließt man, dass er wohl der Jüngere von beiden war.
Nach der Apostelgeschichte wurde Petrus im traditionellen jüdischen Glauben erzogen. Er beachtete jüdische Speisevorschriften und verkehrte nicht mit Nichtjuden (Apg 10,14.28 EU). Den synoptischen Evangelien zufolge wohnte er in Kafarnaum am See Genezareth. Dort besaßen er und sein Bruder Andreas ein Haus, wo auch seine Schwiegermutter lebte (Mk 1,29ff EU; Lk 4,38 EU). Auf dessen Überresten kann eine der ersten Pilgerstätten des Urchristentums errichtet worden sein, die Archäologen in Kafarnaum ausgegraben haben.[2]
Jesus soll Simons Schwiegermutter geheilt haben, worauf sie den Jüngern gedient habe (Mk 1,31 EU). Den Namen ihrer Tochter, seiner Frau, erwähnen die Evangelien nicht. Daher glauben manche Exegeten, Petrus habe sie gemäß der Aufforderung Jesu, alles zu verlassen (Mk 10,28f EU), in Kafarnaum zurückgelassen. Nach Paulus, der ihn um das Jahr 39 in Jerusalem traf, wurden Petrus und andere Apostel jedoch von ihren Ehefrauen begleitet (1_Kor 9,5 EU). Da Jesus nichts gegen Ehe bzw. Ehestand äußerte und außerdem die Ehescheidung verbot (Mt 5,32 EU), kann Simons Frau auch vorher schon, wie andere Frauen aus Galiläa (Mk 15,41 EU; Lk 8,2 EU), mit ihrem Mann umhergezogen sein.
Nach den Synoptikern, die hier wohl dem Markusevangelium folgten, arbeiteten Simon (noch ohne Zuname) und Andreas als Fischer. Am See Genezareth habe Jesus sie beim Auswerfen ihrer Fischernetze getroffen und aufgefordert, ihm nachzufolgen. Daraufhin hätten die Brüder die Netze verlassen und seien ihm gefolgt (Mk 1,16 EU). Bei der Berufung der übrigen Zwölf habe Jesus Simon dann den Beinamen „Petrus“ gegeben (Mk 3,16 EU).
Nach dem Lukasevangelium wurde Simon zum „Menschenfischer“ berufen, nachdem Jesus seine Antrittspredigt in der Synagoge von Kafarnaum gehalten und seine Schwiegermutter geheilt hatte. Die Berufung ist hier Abschluss eines unerwartet großen Fischfangs, nach dem Simon bekennt: Herr, gehe von mir fort! Ich bin ein sündiger Mensch (Lk 5,1-11 EU). Hier nennt Lukas erstmals seinen Beinamen Petrus, dann auch bei der Auswahl der Zwölf (Lk 6,14 EU). Beide Evangelisten erklären den Beinamen nicht.
Auch das Matthäusevangelium nennt Simon ab seiner Berufung Petrus (Mt 4,18 EU). Er stellt diesen Beinamen besonders heraus, nachdem Simon bekannte: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Als Antwort erhält er eine Seligpreisung und Zusage, dass Jesus seine ecclesia auf „diesen Felsen“ bauen wolle (Mt 16,18 EU).
Nach dem Johannesevangelium kamen Petrus und sein Bruder aus Bethsaida. Ob hier der Geburts- oder der zeitweise Wohnort gemeint ist, bleibt offen. Andreas soll als ein Jünger Johannes des Täufers Jesus zuerst getroffen, ihn als Messias erkannt und dann seinen Bruder Simon zu ihm geführt haben. Jesus habe ihm sofort, als er ihn sah, den Beinamen Kephas verliehen (Joh 1,35-44 EU).
Nach allen Evangelien hatte Simon Petrus im Jüngerkreis eine Führungsrolle inne. Er steht in allen Apostellisten im NT an erster Stelle und zählt, zusammen mit Jakobus dem Älteren und Johannes, zu den drei Aposteln, die Jesus besonders nahe standen. Sie galten nach Mk 9,2-13 EU (Verklärung Christi) als die Einzigen der Zwölf, denen Gott die Göttlichkeit und künftige Auferstehung seines Sohnes bereits vor dessen Tod offenbarte. Sie begleiteten Jesus zudem in seinen letzten Stunden im Garten Getsemani (Mk 14,33 EU).
Christusbekenner und Christusverleugner
Nur Petrus bekannte sich nach den Evangelien schon vor Jesu Auferstehung ausdrücklich zu dessen Messiaswürde (Mk 8,29ff EU): Du bist der Christus! Doch gleich darauf, nachdem Jesus den Jüngern erstmals seinen vorherbestimmten Leidensweg ankündigte, nahm Petrus ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren (V. 32). Er habe also versucht, Jesus von diesem Weg ans Kreuz abzubringen, so dass sein Glaubensbekenntnis als Missverständnis der Sendung Jesu erscheint. Daraufhin habe Jesus ihn schroff zurechtgewiesen (V. 33):
- Weiche von mir, Satan! Denn Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
„Satan“ bedeutet im Hebräischen „Gegner“ oder „Widersacher“. Petrus wird hier mit dem Versucher Jesu in der Wüste verglichen, der den Sohn Gottes ebenfalls von seinem Leidensweg abhalten wollte (Mt 4,1-11 EU); er wird auch an anderen Stellen des NT in die Nähe des Satans gerückt (Lk 22,31 EU). Hier folgt die Jüngerbelehrung Jesu (Mk 8,34):
- Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer es aber verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es erhalten.
Diese paradoxe Einladung zur Kreuzesnachfolge ist Hintergrund für das später erzählte Versagen des Petrus im Verlauf der Passion Jesu, als er, um sein Leben zu retten, nicht sich, sondern Jesus verleugnete (Mk 14,66-72 EU).
Der Widerspruch zwischen Reden und Handeln zeigte sich bei Petrus schon in Galiläa: Einerseits vertraute er dem Ruf Jesu in die Nachfolge („Komm her!“), andererseits schwand sein Glaube beim ersten Gegenwind, so dass nur Jesus ihn vor dem Versinken im Meer retten konnte (Mt 14,29ff EU).
Laut Joh 13,6-9 EU widersprach er auch Jesu Ansinnen, ihm die Füße zu waschen. Diese Handlung war damals ein typischer Sklavendienst: Petrus wehrte sich also dagegen, sich von Jesus als seinem Herrn wie von einem Sklaven bedienen zu lassen. Aber nur dieser Dienst gab ihm vorweg Anteil an dem am Kreuz Jesu erwirkten Heil und deutete auf die „Taufe in den Tod“ voraus. Das war mit der Verpflichtung an alle Jünger verbunden, einander ebenso zu dienen.
Im Verlauf der Passion Jesu spitzen alle Evangelien das Versagen des ersten Jüngers und Christusbekenners zu. Jesus kündete Petrus beim letzten Mahl Jesu an, er werde ihn noch in derselben Nacht dreimal verleugnen. Dies wies er wie alle übrigen Jünger weit von sich (Mk 14,27-31 EU par.):
- Wenn ich auch mit Dir sterben müsste, so wollte ich Dich doch nicht verleugnen. Ebenso sprachen sie alle.
Doch kurz darauf schlief er ein, als Jesus in Getsemani den Beistand der Jünger besonders nötig brauchte und erbat (Mt 26,40.43f EU). Dann wiederum soll er nach Joh 18,10 EU mit Waffengewalt die Verhaftung Jesu zu verhindern versucht haben: Er wird hier mit jenem namenlosen Jünger identifiziert, der einem Soldaten der Tempelwache laut Mk 14,47 EU ein Ohr abhieb. Sein Versagen gipfelt in der Verleugnung Jesu, während dieser sich vor dem Hohen Rat als Messias und kommender Menschensohn bekannte und sein Todesurteil empfing (Mk 14,62 EU). Als das Krähen eines Hahnes im Morgengrauen Petrus an Jesu Vorhersage erinnerte, habe er zu weinen begonnen (Mk 14,66-72 EU).
Petrus fehlte also nach neutestamentlicher Darstellung die Kraft, seinem Glauben gemäß zu handeln, als es darauf angekommen wäre. Dennoch erhielt gerade er auf sein Christusbekenntnis hin von Jesus den Namen „Fels“ und die Zusage der Gemeindegründung (Mt 16,16-23 EU).
Die Apostelgeschichte stellt Petrus nach Pfingsten demgemäß als todesmutigen Bekenner vor dem Hohen Rat dar, der die Sendung des Heiligen Geistes als Missionar und Leiter der Urgemeinde vorbildlich erfüllte (Apg 5,29 EU). Paulus dagegen zeigt ihn auch als wankelmütig: Er berichtet, dass Petrus aus Furcht vor den Judenchristen um Jakobus die Tischgemeinschaft mit Heiden aufgab und vor einigen Juden Gesetzestreue „heuchelte“, statt nach der „Wahrheit des Evangeliums“ zu wandeln (Gal 2,11-14 EU).
Einige Exegeten schließen daraus auf seinen ambivalenten Charakter. Andere sehen Petrus als Beispiel für das Verhalten aller Jünger, die Jesus angesichts seines bevorstehenden Todes verließen (Mk 14,50 EU). Er steht im NT für das dichte Beieinander von Glauben und Unglauben, Zeugendienst und schuldhaft verweigerter Kreuzesnachfolge in der ganzen Kirche.
Zeuge der Auferstehung
Petrus ist für das NT einer der Ersten, dem der auferstandene Jesus begegnete. Als Ausgangspunkt der Osterüberlieferung des NT gelten frühe Bekenntnissätze der Urchristen wie Lk 24,34 EU:
- Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen!
Der in der Versammlung der Jünger vor ihrer gemeinsamen Vision des Auferstandenen situierte Satz legt nahe, dass Petrus noch vor den übrigen Jüngern eine eigene, nur ihm geltende Erscheinung (Vision) des auferweckten Jesus hatte. Die älteste, von Paulus aus der Jerusalemer Urgemeinde übernommene Zeugenliste der Ostererscheinungen Jesu bestätigt dies (1_Kor 15,5 EU):
- Er wurde gesehen von Kephas, danach von den Zwölfen.
Die von Lukas überlieferte Credoformel nennt ihn „Simon“, die Zeugenliste „Kephas“ und stellt seine Jesusvision neben die der Zwölf: Daraus folgern manche Exegeten, dass dieser Titel ihm nach Ostern beigelegt und dann in seine vorherige Jesusnachfolge zurück verlegt wurde.
Ort und Inhalt der Petrusvision lassen die synoptischen Evangelien jedoch unbestimmt. Nach dem Markusevangelium erhielten die Frauen, die das leere Grab Jesu entdeckten, dabei die Botschaft eines Engels, dass Jesus den Jüngern in Galiläa erscheinen werde. Dabei wird Petrus namentlich neben den übrigen Jüngern genannt (Mk 16,6 EU).
Das Matthäusevangelium berichtet von keiner Einzelvision des Petrus. Hier begegnet Jesus zuerst den Frauen, die unterwegs vom leeren Grab nach Galiläa waren (Mt 28,9 EU). Danach erscheint er den erstberufenen Jüngern (Elf ohne Judas Ischariot) gemeinsam (Mt 28,17ff EU).
Auch das Lukasevangelium beschreibt keine Erstvision des Petrus. Es deutet an, dass die Jünger nach Jesu Tod auf getrennten Wegen in ihre Heimat zurückkehrten. Unterwegs seien einige von ihnen Jesus begegnet, deshalb wieder umgekehrt und hätten sich in einem Haus in Jerusalem versammelt. Dort habe Jesus sich ihnen gemeinsam offenbart und ihnen den Auftrag zur Völkermission gegeben. Dabei kündet er hier die Ausschüttung des Heiligen Geistes nur an, die 50 Tage später an Pfingsten erfolgte (Lk 24,13-50 EU).
Im Johannesevangelium geschah eine gemeinsame Jüngervision ebenfalls in der Tempelstadt. Dabei erhielten alle Jünger den Geist und damit die Vollmacht zum „Binden und Lösen“ der Sünder (Joh 20,19-23 EU). Dem ging die Begegnung Jesu mit Maria Magdalena voraus: Sie, nicht Petrus, sah und verkündete den Auferstandenen hier zuerst. Petrus habe zuvor das leere Grab Jesu betreten und darin das aufgewickelte Schweißtuch des Gekreuzigten entdeckt. Weil er sich dies nicht habe erklären können, sei er zunächst „nachhause“ gegangen. Nicht die Entdeckung des leeren Grabes, sondern erst die Selbstoffenbarung des Auferstandenen konnte demnach seinen Glauben wecken (Joh 20,1-18 EU).
Daran anknüpfend berichtet das später ergänzte Schlusskapitel Joh 21,1-19 EU, Jesus sei Petrus und sechs weiteren Jüngern aus dem Zwölferkreis nochmals erschienen. Wie er anfangs in Galiläa nach einem wunderbaren Fischzug berufen wurde (Lk 5,1-11 EU), so erkennt er auch diesmal durch den übergroßen Fischfang, dass Jesus der auferstandene Kyrios ist. So wie er Jesus dreimal verleugnet hatte, so fragt dieser ihn nun dreimal: Liebst du mich?, was er jedesmal bejaht. Daraufhin erhält Petrus dreimal den Befehl: Weide meine Schafe! und den erneuten Ruf Folge mir nach. Dabei kündet Jesus ihm an, dass er als Märtyrer sterben werde.
Die Lokalisierung am See Genezareth bestätigt, dass die ersten Jüngervisionen in Galiläa, nicht in Jerusalem stattfanden. Sie wurden als Versöhnung mit Jesus und erneute Nachfolgeberufung verstanden: Das gemeinsame Mahl mit dem Auferstandenen bedeutete für Juden Vergebung und Anteilgabe am endzeitlichen Heil. Ostererinnerung und Abendmahl waren im Gottesdienst der Urchristen eng verbunden.
Der später angehängte Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,9-20 EU) versuchte – wahrscheinlich bei der beginnenden Kanonisierung des Neuen Testaments (um 180) -, die verschiedenen Erscheinungsberichte in eine harmonische Abfolge zu bringen. Er folgt Joh 20 und nennt Maria Magdala als erste Augenzeugin des Auferstandenen.
Aus den Unterschieden in den Ostertexten der Evangelien schließen NT-Historiker meist, dass Erscheinungen und Grabentdeckung ursprünglich unabhängig voneinander überliefert und dann auf verschiedene Weise kombiniert wurden, um das Jüngertreffen in Jerusalem zu erklären.
Missionarische Tätigkeit
Aus der Apostelgeschichte stammen fast alle Nachrichten vom nachösterlichen Wirken der zwölf Apostel. Danach soll Petrus sich mit ihnen in Jerusalem versteckt haben, bis ihn mit der anwesenden Menge zu Pfingsten die Kraft des Heiligen Geistes erfasste. Darauf habe er die erste öffentliche Predigt in Jerusalem gehalten. Sie legte Jesu Erscheinen als Gottes vorherbestimmte Erfüllung der Geistverheißung in Israels Heilsgeschichte aus und gipfelte in der Aussage (Apg 2,36 EU):
- So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat!
Nach Lukas bekannten sich daraufhin noch am selben Tag 3.000 Menschen zum neuen Glauben. So sei dort die Urgemeinde der Christen entstanden, die nach Apg 2,5 EU Angehörige verschiedener Völker und Sprachen umfasste.
Petrus könnte deshalb einen solchen Erfolg unter seinen jüdischen Landsleuten gehabt haben, weil seine Missionspredigt sie zwar für Jesu Kreuzigung haftbar machte, aber nicht verurteilte, sondern ihnen Gottes Versöhnung zusagte und anbot (Apg 3,17 EU). Er geriet jedoch bald in Konflikt mit den Jerusalemer Behörden und musste sich vor dem Hohen Rat verantworten (Apg 4,8ff EU; Apg 5,29 EU). Dabei soll er seinen Glauben diesmal nicht verleugnet, sondern freimütig bekannt haben.
Nach der Verfolgung der Urgemeinde im Anschluss an die Hinrichtung des Stephanus missionierten einige Apostel, darunter Petrus, offenbar auch außerhalb Jerusalems. Laut Apg 8,14-25 EU kam er dabei auch nach Samaria, um bereits Neugetauften den Heiligen Geist zu spenden. Dies unterstreicht seine Autorität über die Urgemeinde hinaus. Er war wohl anfangs der Hauptvertreter der Israelmission, die der universalen Völkermission vorausgehen sollte (Gal 2,8 EU; Mt 10,5 EU; vgl. Lk 24,47 EU). Nach Apg 10 EU predigte er erstmals auch Nichtjuden das Evangelium.
Von Petrus werden auch Spontanheilungen und sogar Totenerweckungen analog zu denen Jesu berichtet, etwa in Lydda und Joppe (Apg 9,32-43 EU). Damit wird die Kontinuität zwischen dem Heilwirken Jesu und dem der Urchristen betont, das zu ihrem Auftrag gehörte (Mk 16,15-20 EU; Mt 10,8 EU).
Wie er in seiner ersten Predigt Christus ganz als Erfüllung jüdischer Verheißungstraditionen verkündete, so hielt er auch an der jüdischen Tora inklusive der Speise- und Reinheitsgesetze fest (Apg 10,13f EU). Doch dann habe er nahe der Römerstadt Cäsarea Philippi eine Vision Gottes erhalten, der ihm die Tischgemeinschaft mit dem Hauptmann Kornelius, einem der „gottesfürchtigen“ Römer, befohlen habe. Damit begann nach lukanischer Darstellung die urchristliche Heidenmission.
Diese führte zu Konflikten mit den Judenchristen, die von Heiden die Beschneidung und Einhaltung jüdischer Gebote verlangten. Petrus habe sie mit Hinweis auf seine göttliche Autorisierung überwunden (Apg 11,17 EU):
- Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe gegeben hat wie auch uns, die da gläubig geworden sind an den Herrn Jesus Christus: Wer wäre ich, dass ich könnte Gott widerstehen?
Nach dem Ende der Regentschaft des Pontius Pilatus ließ der jüdische König Herodes Agrippa I. (41-44) die Urgemeinde in Jerusalem verfolgen und den Apostel Jakobus den Älteren enthaupten. Auch Petrus wurde verhaftet und zwischen zwei Kriegsknechten in eine Gefängniszelle geworfen und an Ketten gelegt. Doch laut Apg 12,1-19 EU verhalf ihm ein Engel auf wunderbare Weise zur Freiheit. Er ließ dies Jakobus und den übrigen Aposteln mitteilen und verließ Jerusalem, um seine Mission fortzusetzen.
Patristische Notizen des 3. Jahrhunderts (s.u.) deuteten diese Nachricht als Übergabe der Leitung der Urgemeinde an Jakobus. Dem widerspricht Paulus, der Petrus, Jakobus den Gerechten und Johannes beim Apostelkonzil (um 48) gemeinsam als „Säulen“ der Urgemeinde antraf (Gal 2,9 EU). Dort wurde über seine gesetzesfreie Heidenmission entschieden. Petrus sei dabei als deren Fürsprecher aufgetreten (Apg 15,7-11 EU). So betont Lukas den Einklang zwischen beiden in dieser Frage.
Paulus bestätigt Angaben wie Apg 9,32 EU, wonach Petrus als Vertreter der Urgemeinde neue Gemeinden, darunter auch Antiochia, besuchte und mit den Heidenchristen dort die Tischgemeinschaft pflegte: Das bedeutet, dass er die Heidenmission anerkannte. Dann aber hätten Anhänger des Jakobus aus Jerusalem dies kritisiert (vgl. Apg 11,3 EU). Daraufhin sei Petrus vor ihnen zurückgewichen und habe die Tischgemeinschaft mit den Heiden beendet. Deshalb habe er, Paulus, ihn öffentlich für seine Inkonsequenz gerügt und an den beim Apostelkonzil erreichten Konsens erinnert, wonach den getauften Heidenchristen die Einhaltung der Tora ganz erlassen worden sei (Gal 2,11-14 EU).
Paulus zeichnet also ein anderes Bild von Petrus als Lukas. Er sah ihn als Vertreter des „Evangeliums an die Juden“ an, der den Heidenchristen bis zum Apostelbeschluss zur gesetzesfreien Heidenmission bestimmte Toragebote auferlegte. Als er danach zur Befreiung nichtjüdischer Christen von den Speisevorschriften hätte stehen müssen, wurde er unter dem Druck strengerer Judenchristen wieder schwankend. Diese Angaben aus dem Galaterbrief werden meist als Hinweis auf nach dem Apostelkonzil fortbestehende Spannungen gesehen, die die spätere lukanische Darstellung zu beschönigen versucht habe.
Notizen zum Ende
Darstellung der Kreuzigungslegende Petri aus dem 15. Jhd., Ausschnitt eines Freskos von Filippino Lippi
Das NT erwähnt weder eine Romreise des Petrus noch seinen Tod. Zwar wird in der synoptischen Tradition allen Jüngern Jesu Verfolgung und Tod vorhergesagt (u.a. Mk 10,39 EU; Mk 13,12 EU); aber nur ein Redaktor des Johannesevangeliums lässt Jesus dem Petrus dessen Hinrichtung ankündigen, ohne deren Ort und Umstände zu nennen (Joh 21,18f EU).
Wäre Petrus nach dem Apostelkonzil nach Rom gereist, so argumentieren viele Historiker, hätte sich dies an vielen Stellen des NT niedergeschlagen: vor allem im Römerbrief des Paulus (um 56-60), der Christen in Rom namentlich grüßt und bereits auf dortige Verfolgung hinweist, sowie in der Apostelgeschichte. Diese, so entgegnen andere, sei als periodisierende Missionsgeschichte nicht an lückenloser Chronologie interessiert. Doch sie stelle den Übergang von der Judenmission des Petrus und der Jerusalemer Apostel zur Heidenmission des Paulus dar und berichte am Ende über dessen ungehinderte Missionstätigkeit in Rom (Apg 28,17-31 EU): Wäre er Petrus dort begegnet, hätte der Autor dies sicher vermerkt.
Zudem, so etwa Hans Conzelmann (Geschichte des Urchristentums S. 136), setze das Petrusbekenntnis nach Mt 16,16-19 EU eine Gemeinde in Syrien oder Kleinasien voraus, die von Petrus gegründet wurde und schon auf seinen Tod zurückblickt. Denn hier werden die „Pforten der Unterwelt“, die sich laut Jes 38,10 EU hinter jedem Sterblichen („Fleisch und Blut“) schließen, in den Gegensatz zur Auferstehung der Christusbekenner und Fortdauer ihrer Gemeinschaft über den Tod des Einzelnen hinaus gestellt. Dennoch schließt Conzelmann einen Romaufenthalt des Petrus nicht aus, da vielleicht schon der 1. Petrusbrief mit dem Hinweis auf „Babylon“ indirekt davon ausgehe.
Petrus zugeschriebene Schriften
Petrusbriefe
Das Neue Testament enthält unter dem Namen des Petrus zwei Briefe:
Einige Exegeten deuten den „Gruß aus Babylon“ in 1_Petr 5,13 EU als versteckten Hinweis auf Rom. Denn Babylon ist in der Bibel häufig Metapher für eine besonders verdorbene, sündige Weltstadt: So identifiziert auch die Offenbarung des Johannes „die Hure Babel“ mit Rom. Dort könnte der Brief demnach abgefasst worden sein.
Wird Petrus als Autor angenommen, dann wäre der Brief um 65 entstanden. Meist wird der Brief aufgrund inhaltlicher und sprachlicher Indizien jedoch auf den Zeitraum um 100 datiert, als es bereits Christenverfolgungen im Römischen Reich gab. Darauf weisen die in Kapitel 4,12-16 angesprochenen Motive der Märtyrertheologie, z.B. das „Leiden mit Christus“ und das „Geschmäht werden für den Namen Christi“ hin.
Andere, darunter die Zeugen Jehovas, verstehen den Gruß aus Babylon wörtlich und nehmen an, dass Petrus tatsächlich dort missionierte, da er auch sonst jüdische Diasporagemeinden wie Antiochia bereiste. Ob Babylon damals überhaupt noch existierte, ist unbekannt.
Der Brief autorisiert kurz vor dem Tod des Autors als sein „Testament“ die Lehren des Paulus (2_Petr 1,14 EU; 2_Petr 3,15 EU). Heute wird er meist auf 100-130 datiert. Die Aufnahme in den Kanon des NT war wegen ungewisser Autorschaft des Petrus umstritten.
Markusevangelium
Die Kirchenväter bringen Petrus auch in Verbindung mit dem Markusevangelium. Papias von Hierapolis führt das Buch auf Johannes Markus zurück, der im Neuen Testament zuerst in Jerusalem (Apg 12 EU), dann im Umkreis von Barnabas und Paulus (Apg 15 EU; Kol 4,10 EU; 2_Tim 4,11 EU; Phlm 1,24 EU) erscheint. Nur in 1_Petr 5,13 EU erscheint er als Begleiter des Petrus. Papias zufolge diente Markus dem Petrus als Dolmetscher in Rom und verfasste aufgrund von dessen Reden sein Evangelium am gleichen Ort. Daher galt Petrus traditionell als „Koautor“ dieses Evangeliums.
Die Gleichsetzung von Johannes Markus mit dem Autor des ältesten Evangeliums und seine Bekanntschaft mit Petrus sind außer diesen Notizen nirgends belegt und gelten Christentumshistorikern heute meist als patristische Konstruktion. Der Autor des Markusevangelium wird eher dem hellenistischen Urchristentum zugerechnet, während Petrus nach den als zuverlässig geltenden Notizen der Paulusbriefe eher eine Position vertrat, die den „Judaisten“ nahestand (Gal 1,12-14).
Didache und Apokryphen
Die Didache, ein um 100 entstandener frühchristlicher Katechismus, wird in einer Handschrift als „Zeugnis des Petrus“ bezeichnet. Sie könnte inhaltlich von der von Petrus dominierten Theologie der Urgemeinde abhängig sein. Denn sie besteht hauptsächlich aus einer von Christen umgeformten jüdischen Morallehre, die auf judenchristliche Traditionen Judäas zurückgeht.
Hinzu kommen einige Apokryphen, die von der frühen Kirche aus theologischen Gründen nicht in den Kanon aufgenommen wurden oder verschollen sind:
Kirchenväter
Die wenigen antiken Informationen zum späteren Schicksal des Petrus stammen alle aus Schriften des 2. bis 4. Jahrhunderts, als die frühe Kirche den monarchischen Episkopat entwickelte und sich von Häresien abgrenzte. Entscheidende Schritte dazu waren die Kanonisierung des Neuen Testaments und die Idee der Apostolischen Sukzession.
Romaufenthalt und Märtyrertod
Zwei Randbemerkungen von zwei Kirchenvätern gelten als Indizien dafür, dass Petrus gegen Ende seines Lebens nach Rom gekommen sein und dort zwischen 64 und 67 den Tod als christlicher Märtyrer gefunden haben könnte.
Der 1. Clemensbrief, der wahrscheinlich in oder bald nach der Regierungszeit Domitians zwischen 90 und 100 in Rom verfasst wurde, stellt in Kapitel 5 und 6 das vorbildliche Leiden des Petrus und Paulus heraus, dem viele Christen gefolgt seien:
- Wegen Eifersucht und Neid sind die größten und gerechtesten Säulen verfolgt worden und haben bis zum Tode gekämpft. [...] Petrus, der wegen ungerechtfertigter Eifersucht nicht eine und nicht zwei, sondern viele Mühen erduldet hat und der so – nachdem er Zeugnis abgelegt hatte – ist gelangt an den (ihm) gebührenden Ort der Herrlichkeit.
Dies wird als Hinweis auf ein Martyrium der Apostel gedeutet. Dessen Ort und Umstände werden nicht erwähnt. Da die Notiz als Rückblick des Bischofs Clemens von Rom erscheint und es vor Domitian keine größeren Christenverfolungen gab, könnte sie sich auf die kurze Christenverfolgung unter Nero im Jahr 65 beziehen.
Ignatius von Antiochien schrieb in seinem Brief an die Römische Gemeinde (um 110):[3]
- Nicht wie Petrus und Paulus befehle ich euch. [...][4]
Auch dies weist auf eine bereits etablierte Tradition vom Märtyrertod der Beiden in Rom hin. Notizen, die dieser widersprechen, gibt es laut Hans Küng nicht.
Laut Eusebius von Caesarea (Anf. 4. Jhd.) soll der Bischof Dionysius von Korinth (ca. 165-175) über Petrus und Paulus gesagt haben:
- Und sie lehrten gemeinsam auf gleiche Weise in Italien und erlitten zur gleichen Zeit den Märtyrertod.
Diese Notizen legen nahe, dass in der Kirche ab etwa 150 der beispielhafte Märtyrertod von Petrus und Paulus in Rom zur Zeit Neros angenommen wurde. Sie wären dann gemeinsam mit anderen Christen hingerichtet worden, Paulus als römischer Bürger durch das Schwert, Petrus als Jude durch Kreuzigung wie es bei ausbleibender Fürsprache von Angehörigen für Peregrine (also Reichsangehörige ohne Bürgerrecht) üblich war. Der Legende nach wurde Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt (Petruskreuz).
Eusebius folgerte daraus (2, XXV.):
- Es ist daher aufgezeichnet, dass Paulus in Rom selbst enthauptet wurde und dass Petrus ebenso unter Nero gekreuzigt wurde. Dieser Bericht über Petrus und Paulus wird gestützt durch die Tatsache, dass ihre Namen in den Grabstätten bis zum heutigen Tag bewahrt wurden. Es ist ebenso durch Gaius bestätigt, ein Mitglied der Kirche unter Bischof Zephyrinus von Rom [199-217], … der über die Orte, wo die heiligen Leichname der Apostel liegen, sagt: Aber ich kann die Trophäen der Apostel zeigen. Denn wenn du zum Vatikan [-hügel] oder zur Via Ostia gehst, wirst du die Trophäen derer finden, die diese Kirche gründeten.
Hier zeigt sich ein grundlegender Wandel im Verständnis des Apostolats: Aus der akuten Naherwartung des Reiches Gottes aufgrund der Ostererscheinungen Jesu wurde die apostolische Sukzession, die aus dem Besitz leiblicher Reliquien der Apostel einen ewigen Bestand der Kirche ableitete.
Archäologie
Kaiser Konstantin der Große begann nach 324 auf dem vatikanischen Hügel den Bau der Petersbasilika. Sie wurde als Grabkirche über der Stelle errichtet, die spätestens seit 200 als Petrusgrab – genannt Tropaion des Apostels, so der christliche Römer Gaius – verehrt wurde.
Archäologische Grabungen der 1940er Jahre ergaben, dass der bauliche Kern des Grabes darunter aus einem um das Jahr 160 errichteten kleinen Grabmonument besteht, unter dem ein schlichtes Erdgrab aus dem späten 1. Jahrhundert lag. Während die Frage nach der Identität der dort gefundenen Gebeine offen bleibt, gilt die seit etwa 70 n. Chr. erfolgte ungewöhnliche und dichte Anordnung christlicher Erdgräber rings um dieses Zentralgrab als Hinweis auf den Beginn einer Verehrung als Petrusgrab.
Diese Verehrung bestätigen Grabinschriften aus der Zeit um 300. Die Reste des Grabmonuments sind heute hinter dem Christusmosaik der Pallien-Nische in der Confessio verborgen, über der sich der Papstaltar des Petersdoms befindet.
Petrus als Bischof
Kreuzigung des Petrus von Caravaggio
Die späteren Patriarchate von Alexandria, Antiochia und Rom, später auch Jerusalem und Konstantinopel, führten ihre Gründung direkt oder indirekt auf den Apostel Petrus zurück und beanspruchten ihn als ersten Bischof ihrer Gemeinde. Da es allgemein üblich war, den Rang der eigenen Gemeinde durch die Inanspruchnahme eines apostolischen Gründers zu erhöhen, werden die meisten dieser Nachrichten von Historikern bezweifelt.
Nach Apg 1,2ff EU entstand die Urgemeinde durch das Wirken des Heiligen Geistes, der Jesu Auferstehung allen Jüngern offenbarte, die sie dann gemeinsam den Jerusalemern verkündeten. Petrus hatte dabei die Vorreiterrolle (Apg 2,41 EU). Wegen seiner Hervorhebung im Zwölferkreis und seines Auftretens als erster Verkünder der Auferstehung Jesu (Apg 2 EU) wird er als Gründer und einer der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde angesehen. Dass er darüber hinaus weitere Gemeinden gegründet und geleitet hätte, berichtet das NT jedoch nicht.
Nach Apg 11,20 EU wurde die Gemeinde in Antiochia nicht von ihm, sondern von hellenistischen Anhängern des Stephanus gegründet, die nach dessen Martyrium nach Syrien versprengt worden waren. Die Gemeinde bestand wohl überwiegend aus Heidenchristen und wurde so erstmals als eigene, vom Judentum verschiedene Gruppe wahrnehmbar. Eventuell erhielt sie deshalb von dortigen Griechen oder Römern den Namen „Christiani“ (Apg 11,26 EU).
Das von Paulus geschilderte Zurückweichen des Petrus vor denen, die die gesetzesfreie Heidenmission auch nach dem Apostelkonzil ablehnten, spräche eher dagegen, dass er in Antiochien ein Führungsamt innehatte. Davon unabhängig wurde er dort in späterer Zeit als Bischof verehrt.
Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202) berichtet, die Apostel hätten die Kirche in der ganzen Welt „gegründet und festgesetzt“ [5]. Um diese Zeit kam die Ansicht auf, dass Petrus auch die Kirche in Rom als Bischof geleitet habe. Sie baut auf der etwas älteren Tradition seines Romaufenthalts auf. Sie trifft jedoch historisch nicht zu, da Petrus noch in Jerusalem wirkte, als Paulus nach Apg 18,1 EU in Korinth Christen aus Rom traf (um 50). Daher nimmt man an, dass dort bereits eine von keinem der beiden gegründete Gemeinde bestand.
Eusebius zitiert in seiner Kirchengeschichte (2,I.) Clemens von Alexandria (150-215):
- Denn sie sagen, dass Petrus und Jakobus und Johannes nach der Himmelfahrt unseres Erlösers, obwohl sie von unserem Herrn bevorzugt waren, nicht nach Ehre strebten, sondern Jakobus den Gerechten zum Bischof von Jerusalem wählten.
Demnach sollen die drei „Säulen“ der Urgemeinde (Gal 2,9 EU) Jakobus den Gerechten schon früh zum alleinigen Leiter der Urgemeinde ernannt haben. Nach Hieronymus (348-420) soll schon Hegesippus (90-180) davon gewusst haben. Diese Amtsübergabe hätte die Romreise des Petrus ermöglicht.
Doch wie die Nachwahl des Matthias (Apg 1,26 EU) zeigt, sollte der Zwölferkreis anfangs als gemeinsames Leitungsorgan erhalten bleiben. Nicht Apostel, sondern die Vollversammlung aller Mitglieder der Urgemeinde wählte laut Apg 6,5 EU und Apg 15,22 EU neue Führungspersonen. In den synoptischen Texten vom Rangstreit der Jünger (u.a. Mk 10,35-45 EU) wird ein Führungsprivileg für Einzelne – hier die Zebedaiden Jakobus und Johannes, zwei der im NT hervorgehobenen Lieblingsjünger Jesu – ausdrücklich abgelehnt und der Wunsch danach scharf kritisiert.
Eine spätere Leitung des Jakobus lässt sich aus Apg 21,15ff EU folgern, wo er mit den „Ältesten“ zusammen auftrat. Das Testimonium Flavianum überliefert, dass er – offenbar als Leiter der Urgemeinde – im Jahr 62 vom Hohen Rat gesteinigt wurde. Seine Enkel sollen nach Zitaten Hegesipps bei Eusebius unter Domitian verhaftet worden sein: Dann hatten sie noch zwei Generationen später eine Führungsrolle im Christentum.
Viele Historiker folgern daraus, dass erst im 2. Jahrhundert ein teilweise dynastisches Bischofsamt entstand, das dann nachträglich auf die apostolische Autorität zurückgeführt wurde. Die um 100 entstandenen Ignatiusbriefe wissen noch nichts von einem solchen Amt. Es war den ersten Christengenerationen unbekannt und in ihrem Selbstverständnis nicht vorgesehen: Alle Christen waren gemäß Jesu Gebot des gemeinsamen Dienens ohne Rangordnung gleichermaßen die „Heiligen“ (Röm 15,25 EU). Zwar hatten die Apostel als Zeugen der Ostererscheinungen Jesu die unumstrittene Autorität; aber der monarchische Episkopat lässt sich schwerlich direkt daraus ableiten. Jedoch hält die katholische Kirche an der Tradition fest und geht weiterhin von Petrus als erstem römischen Bischof aus.
Im späten 4. Jahrhundert, als sich der monarchische Episkopat allgemein durchgesetzt hatte und der römische Bischof zunehmend eine Sonderrolle beanspruchte, erwähnt Hieronymus eine römische Amtszeit des Petrus von 25 Jahren: Das setzt einen Romaufenthalt des Petrus vom Jahr 40 an voraus. Dem widerspricht allerdings Apg 15,7 EU, wonach Petrus mindestens bis 48 einer der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde war.
Bedeutung
„Simon Petrus als Papst“ (Peter Paul Rubens)
in der katholischen Theologie
Die katholische Tradition betrachtet Petrus als ersten Vorsteher (Papst) der ecclesia catholica, das heißt, einer „universalen Kirche“. Sie leitet daraus das Amt des Papstes und den Führungsanspruch des Heiligen Stuhls für die Gesamtkirche ab. Diese Autorität des Petrus begründet sie vor allem mit Jesu Zusage nach Mt 16,18f EU:
- Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
- Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.
Die Patristik, u.a. Augustin von Hippo, hatte den Ausdruck petra noch nicht auf Simon Petrus, sondern auf Christus bezogen.
Weitere Stellen, mit denen ein besonderes Petrusamt begründet wird, sind:
Joh 21,15ff EU: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweitenmal [...]. Zum drittenmal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? [...] Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebhabe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
Lk 22,31f EU: Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.
Nach römisch-katholischer Auffassung ist der Papst als Bischof von Rom demnach ein Nachfolger Petri. Linus wäre dann sein unmittelbarer Nachfolger gewesen. Die besondere Vollmacht des Petrus als Stellvertreter Christi auf Er
[Bearbeiten]
Die protestantischen und anglikanischen Kirchen lehnen seit der Reformation wie zuvor bereits die orthodoxe Kirche seit dem frühen Mittelalter die römisch-katholische Lehre eines „Petrusamtes“ und damit den Anspruch der römischen Kirche auf die Führung der Christenheit ab.
Petrus ist auch nach evangelischem Verständnis ein besonderer Jünger Jesu, aber nur als Ur- und Vorbild aller gläubigen Menschen, die trotz ihres Bekenntnisses zu Christus immer wieder versagen und trotz ihres Versagens von Gott die Zusage der gegenwärtigen Vergebung und zukünftigen Erlösung erhalten. Auch der Glaube ist nach evangelischem Verständnis keine Eigenleistung des Petrus, sondern reines Gnadengeschenk der stellvertretenden Fürbitte Jesu, des Gekreuzigten (Lk 22,31 EUff):
- Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, dass er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dich einst bekehrst, so stärke deine Brüder.
Dieses Gebet Jesu sei, so eine verbreitete evangelische Exegese, mit der Versöhnung des auferstandenen Jesus mit seinen Jüngern und der dadurch bewirkten Neukonstituierung des Jüngerkreises nach Ostern in Erfüllung gegangen. Die Kirche basiere daher nicht auf einer historischen Amtsnachfolge einzelner Petrusnachfolger. Sondern alle, die wie Petrus zu Jüngern Jesu werden, seien seine Nachfolger und damit Teil der Gemeinschaft, die Christus berufen habe, seine Zeugen zu sein. Gott sei in Christus allen Menschen gleich nahe („Äquidistanz“), so dass außer Christus keine weiteren Mittler nötig und möglich seien. Dieses „Priestertum aller Gläubigen“ verbot für Martin Luther jeden Rückfall in das seit dem stellvertretenden Sühnopfer des Gekreuzigten überwundene hierarchisch-sakrale, aus dem Tempelkult des Judentums stammende Amtsverständnis.
Eine Sondervollmacht Petri lasse sich aus dem NT nicht herleiten: Die „Schlüsselgewalt“ zum Binden und Lösen der Sünden werde nach Mt 18,18 EU und Joh 20,21ff EU allen Jüngern gegeben. Besonders das Matthäusevangelium lasse keinen Zweifel daran, dass die christliche Gemeinde nur auf dem Glaubensgehorsam aller ihrer Mitglieder erbaut sein könne. Denn dort wird die Bergpredigt Jesu mit dem Zuspruch eröffnet (Mt 5,14 EU):
- Ihr seid das Licht der Welt!
Sie endet mit dem Anspruch (Mt 7,24 EU):
- Darum, wer diese meine Rede hört und tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen (petra) baute.
Demgemäß habe Petrus auch keine eigene Erstvision, sondern mit allen Jüngern gemeinsam den Auftrag des Auferstandenen erhalten, alle Getauften aus den Völkern das Befolgen der Gebote Jesu zu lehren: Die damit verbundene Zusage der Geistesgegenwart Christi sei der eigentliche „Fels“, auf dem die Kirche gebaut sei (Mt 28,19f EU). Das Wirken des Heiligen Geistes lasse sich nicht erneut in menschliche Formen und Rituale zwängen und „festnageln“.
Darum bezweifelten protestantische Historiker oft nicht nur das Bischofsamt, sondern schon den Romaufenthalt des Petrus. Heute schließen sie diese Möglichkeit nicht aus, ohne deswegen das Papsttum anzuerkennen. Denn auch eine mögliche „Amtsübergabe“ des Petrus an seinen Nachfolger in Rom begründe keine Vorrangstellung des römischen Bischofs für alle Zeit.
Martin Luther und andere Reformatoren haben den Doppelanspruch des Papsttums, den die beiden Schlüssel darstellen, vehement abgelehnt und die Berufung auf Mt 16,19 dazu bestritten: so z.B. Luther in Vom dem Papsttum zu Rom (1520) und später oft wiederholt.
Verehrung
Der Petersdom in Rom
Der Gedenktag von Petrus und Paulus ist der 29. Juni. Ihnen zu Ehren ist in der Orthodoxen Kirche ein leichtes Fasten, das so genannte Apostelfasten, von drei Tagen (26. Juni) bis zu diesem Tag üblich.
Petrus ist einer der wichtigsten katholischen Heiligen und gilt als Schutzpatron
- der Päpste
- der Städte Rom, Trier, Regensburg, Worms, Bremen und Posen
- der Berufe Metzger, Glaser, Schreiner, Schlosser, Schmied, Gießer, Uhrmacher, Töpfer, Maurer, Ziegelbrenner, Steinhauer, Netzweber, Tuchweber, Walker, Fischer, Fischhändler, Schiffer
- der Reuigen, Büßenden, Beichtenden, Jungfrauen und Schiffbrüchigen
Katholische Gläubige rufen Petrus als Heiligen an gegen Besessenheit, Fallsucht, Tollwut, Fieber, Schlangenbiss, Fußleiden und Diebstahl.
Im Volksglauben wird er auch für das Wetter, insbesondere das Regenwetter verantwortlich gemacht, weil er die Schlüssel zum Himmel hat. Mit diesen Schlüsseln wird er auch als Wächter einer real vorgestellten Himmelstür angesehen, der die anklopfenden Seelen der Verstorbenen abweist oder einlässt. Diese Vorstellung ist als Motiv zahlreicher Witze stark trivialisiert und banalisiert worden.
Weltweit sind wie der Petersdom im Vatikan zahlreiche Orte und Kirchen nach Petrus benannt.
Petrus in der Kunst
In der Kunst wird Petrus gewöhnlich als alter Mann mit lockigem Haar und Bart mit den Gegenständen Schlüssel, Schiff, Buch, Hahn oder umgedrehtem Kreuz dargestellt. Besonders der oder die Schlüssel sind sein Hauptattribut. In mittelalterlichen Bilddarstellungen bis zur späten Gotik trägt Petrus meist zwei verschiedenfarbige Exemplare. In Anspielung auf Mt 16,19 soll der Erdenschlüssel Macht über die Erde, irdische Gewalt, der Himmelsschlüssel den Einlass ins Himmelreich, die geistliche Gewalt, symbolisieren.
Die Petruslegenden wurden im Katholizismus zur Glaubensüberzeugung und dienten immer wieder als Thema künstlerischer Werke. Bekannt geworden ist etwa die Verfilmung „Quo vadis?“ von 1951, die auf dem gleichnamigen Roman von 1895 beruht.
Einzelbelege
- ↑ Fritz Rienecker: Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament, Gießen 1970, S. 43
- ↑ Gerd Teißen, Anette Merz: Der Historische Jesus, Göttingen 2005, S. 160f
- ↑ Hans Küng: Das Christentum, S.115
- ↑ Ignatios von Antiochien, An die Römer 4.3
- ↑ Adversus Haereses III
Siehe auch
- Liste der Seligen und Heiligen
- Liste der Päpste
- Abbildung in „Das Abendmahl“ von Da Vinci
Literatur
- Rudolf Pesch: Simon-Petrus. Geschichte und geschichtliche Bedeutung des ersten Jüngers Jesu Christi Hiersemann, Stuttgart 1980. ISBN 3-7772-8012-7
- Christfried Böttrich: Petrus. Fischer, Fels und Funktionär. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2001. ISBN 3374018491 (populärwiss., seriös)
- Michael Hesemann: Der erste Papst. Archäologen auf der Spur des historischen Petrus. Pattloch, München 2003. ISBN 3-629-01665-0
- Engelbert Kirschbaum: Die Gräber der Apostelfürsten St. Peter und St. Paul in Rom, St. Benno-Verlag, Leipzig 1974 / Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1974 (Über die Ausgrabungen unter der Confessio von St. Peter, 3. Auflage m. Nachtragskapitel von Ernst Dassmann)
- Wilhelm Lang: Die Petrus-Sage. Reinwaschungen und Legendenbildungen des frühen Judentums und Christentums, Nachdruck, Wissenschaftlicher Verlag, Schutterwald/Baden 1998. ISBN 978-3-928640-40-4 (aus protestantischer Sicht)
- Petrus – Der Apostel mit dem voreiligen Mundwerk. in: John F. MacArthur: Zwölf ganz normale Menschen. Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld ²2005, S. 43-75. ISBN 3-89397-959-X (PDF-Download, geschrieben aus evangelikaler Sicht)
- Katja Wolff: Der erste Christ. WFB-Verlag. ISBN 978-3-930730-03-2
Weblinks
Wikinews: Themenportal Papst – Nachrichten
Commons: Simon Petrus – Bilder, Videos und Audiodateien
- Literatur von und über Simon Petrus im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Druckschriften von und über Simon Petrus im VD 17
- Eintrag (mit Literaturangaben) im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon (BBKL)
- Eintrag in der Catholic Encyclopedia (englisch)
- Beitrag des Heiligenlexikons zum Grab
- Beitrag aus Gute Nachrichten – War Petrus der erste Bischof von Rom?
- Zweifel an der Historizität der biblischen Petrus-Darstellung
- Beschreibung der Himmelfahrt des Petrus
| Vorgänger — |
Bischof von Rom (Die Bezeichnung Papst wurde erstmals 384 verwendet) ca. 33 – 67 |
Nachfolger Linus |
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Simon Petrus |
| KURZBESCHREIBUNG | Apostel des Religionsstifters Jesus von Nazaret |
| STERBEDATUM | um 65 |
| STERBEORT | Rom |
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Bauernregel Donnerstag 21. Februar 2008
Felix Dahn
Einer Freundin
Wir schenken Dir, Du tief geliebte Freundin,
Zum fünfzigsten Geburtstag diese Bilder:
Die Deinen von dem Ahn zur Enkelin
Die Aeltern und die Schwester und den Gatten,
Das Kind, den Eidam und der Tochter Kind:
Die Aussat und die Aerndte Deines Lebens.
S’ist wenig, – scheint’s – und doch unendlich viel.
Vier Menschenalter, noch vergnügt und glücklich,
Kein Mißklang, wie er schrillt durch andre Häuser,
Vom Glück gesättigt – beinah’ – jedes Leben,
Bis es im hohen Alter sanft vom Stamm fällt.
Und in Dir selbst im weißen Har die Vollkraft
Des Frauenthums an Leib und Seele freudig:
– Ach, jünger als so viele, welche niemals
Jung waren! – und im Herzen sprudelnd stark
Der Born, der Deines Wesens Wurzeln frisch hält,
Der Born mit dem melodischen Gesange,
Der Dir seit mehr als dreißig Jahren quillt:
Der Melusinen-Born der Poesie.
Und wenn Du diese Bilder musterst: – keines,
Das nicht ein Zeuge wäre Deiner Liebe
Und Zeuge auch der Dir geschenkten Liebe:
Denn reichlich, wie Du gabst, ward Dir gespendet,
Und ein Magnet der Liebe ward Dein Herz.
Wir Beiden aber, Felix und Therese,
Wir danken Dir doch mehr noch als sie Alle:
Denn Deine Freundschaft war in schwerster Zeit
– Nach unsrer eignen Kraft – der stärkste Stab.
Wir danken Dir: und wenn die Abendsonne
So hell, so schön, so leuchtend und so warm
Wie andern Frauen nicht, Dir scheint in’s Leben,
Wenn noch Dein kommend Alter Glanz verklärt,
Wie im geliebten Partenkirchen Dir
Die Sonne noch die letzten Strahlen schickt,
Denk’ unser freudig dann und flüst’re still:
»Das ist der Dank von Felix und Therese.«
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | poem |
| booktitle | Gedichte |
| author | Felix (und Therese) Dahn |
| year | 1892 |
| publisher | Breitkopf & Haertel |
| address | Leipzig |
| title | Gedichte |
| pages | III-XII |
| created | 20050922 |
| sender | gerd.bouillon |
| pfad | /dahn/gedichte/book.xml |
Abwehr einer Verleumdung
(1850)
In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb als »technischer Direktor« des K. Hoftheaters nicht berufen werden, weil – ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht! Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den »Märzereignissen« herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende »Zuschauer« schüchtern hinzu: »Wie es scheint.« Verzwicktes »wie es scheint«! Warum nicht sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte Barrikaden befehligt?
Im Mai 1849 hab’ ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich bin kein Baumeister! mußt’ ich ihnen sagen. Es half nichts: »die Sense sollte michs schon lehren!« Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein »Zuschauer« fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme »Zuschauer« sagt, Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir’s, daß er mich aufforderte: »Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie nicht!« »Worüber?« »Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht mehr! Nur reden, nur beruhigen! – Nun denn, sagt’ ich, ich habe in jenem patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am liebsten den der Bürgerbewaffnung! »Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier! Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!« Ich sprach, und die Massen, die zu allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie jener Feigling im »reisenden Studenten« in den Mehlkasten zu springen und zu rufen: Brennt’s noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam freilich für immer sehr weiß heraus.
Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein »Zuschauer« sagt: Vor dem 18. März schon hätt’ ich »Tätigkeit entwickelt«, so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für »Tätigkeit entwickelte.« Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger »Zuschauer«! Ich beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des »technischen Direktors« (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb, weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert.
Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können, doch immer noch so »taktlos« bin, in politischen Dingen mehr links als rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd’ es nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert oder konspiriert hätte, weis’ ich mit Verachtung zurück.
Dresden, 23. Februar 1850.
Quellenangabe
| Name | Wert |
|---|---|
| type | fiction |
| booktitle | Berlin – Panorama einer Weltstadt |
| author | Karl Gutzkow |
| year | 1995 |
| publisher | Morgenbuch Verlag |
| address | Berlin |
| isbn | 3-371-00380-9 |
| title | Berlin – Panorama einer Weltstadt |
| pages | 257-258 |
| sender | gerd.bouillon@t-online.de |
| pfad | /gutzkow/berlin/book.xml |
Bauernregel Mittwoch 20. Februar 2008
Spitzt das Ohr und merkt euch still,
was die gute Sitte will!
Wer die schöne Form erfaßt,
ist ein gern gesehner Gast;
wer sich frech und plump beträgt,
wird ohne Besen hinausgefegt.
– 1 –
Ein Kind soll nicht vorher von Speisen naschen,
soll Mund und Hände sich sauber waschen,
sich erst setzen, wenn die andern sitzen,
das Mäulchen bei Tisch nicht zum Pfeifen spitzen,
nicht plappern, wenn große Leute sprechen,
das Brot nicht zerkrümeln, zerkneten, nur Bissen abbrechen
– 2 –
Rückt immer den Stuhl so dicht heran,
daß Löffel und Gabel zum Munde kann,
ohne das Tischtuch zu betrippen;
und schließt beim Kauen hübsch die Lippen!
Turnen beim Essen, das will nicht passen;
also die Ellbogen hübsch unten lassen!
– 3 –
Nicht gierig stopfen! langsam essen!
auch keinen Rest auf dem Teller vergessen!
Nicht wie Hunde oder Katzen
schlecken, schlürfen, schnaufen, schmatzen!
Nicht kichern und nicht heimlich fragen,
und immer schön bitte und danke sagen!
– 4 –
Seid ihr beim Essen und trinkt dazwischen,
sollt ihr zuvor die Lippen wischen.
Kartoffeln und Fisch mit Stahlmessern schneiden,
das wird ein Mensch, der Geschmack hat, vermeiden.
Brot nimmt man zuhilfe, wenn Fischmesser fehlen;
auch Obst soll man nicht mit Stahlklingen schälen.
– 5 –
Wer stochert in den Zähnen,
nicht unterdrückt das Gähnen,
das Messer in den Mund steckt,
Gabel und Teller ableckt,
zuviel packt auf den Löffel,
gilt als Flegel und Töffel.
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | toc |
| booktitle | Das liebe Nest |
| author | Paula Dehmel |
| firstpub | 1919 |
| year | 1919 |
| publisher | E. A. Seemann |
| address | Leipzig |
| title | Das liebe Nest |
| created | 20041205 |
| sender | gerd.bouillon |
| pfad | /dehmelp/liebnest/book.xml |
Annette von Droste-Hülshoff
Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
Meersburg den 25sten Mai 1842.
Soeben habe ich Deinen guten, lieben Brief erhalten, mein altes Herz, und antworte auf der Stelle, obwohl ich Dir einige Tage später den Aufsatz fürs Deutschland hätte mitschicken können, der fast beendigt ist. Aber es geht hier jetzt so bunt zu, fast kein Tag ohne Besuch ( NB. zumeist Damen), wo meine Unterhaltung das Beste thun muß, da Jenny den ganzen Tag in der Erde kratzt, – daß man beim Aufstehen Morgens nie weiß, ob man nach der Dampfbootstunde noch zu einer einzigen Zeile kömmt, und es ist mir jetzt um Deinen klugen Rathschlag noch vor meiner Abreise zu thun. Der Buchhändlerbrief ist nämlich angekommen und war wirklich ein solcher, von der Compagnie Velhagen & Klasing, und bereits vom 5ten April datirt. Da er kurz ist, schreibe ich ihn ab, damit Du den Grad ihres guten Willens, in litterarischer und pecuniairer Hinsicht, selbst abmessen kannst. »Ew. Hochwohlg. vor einigen Jahren erschienene Gedichtsammlung erregte schon damals unsre höchste Aufmerksamkeit, und zwar nicht bloß als Product eines vaterländischen, sondern überhaupt sehr bedeutenden dichterischen Talentes; die Absicht, welche beim Lesen des Bändchens in uns aufstieg, der Verfasserin die Gefühle der Freude und des Danks für so viel Genuß auszusprechen, kam im Drange der Geschäfte nicht zur Ausführung, wurde aber jetzt beim Lesen Ihres Gedichts an die Weltverbesserer, welches im Morgenblatt so wie in der Cölnischen Zeitung stand, wieder angeregt. Sollten Sie, hochgeehrteste Dame, für fernere litterarische Productionen unsere Dienste als Verleger annehmen wollen, so würden wir uns dadurch geehrt fühlen. Vielleicht darf dieses Anerbieten mit einigem Rechte den Charakter der Uneigennützigkeit ansprechen, da Gedichtsammlungen wohl nur in den seltensten Fällen zu den gewinntragenden buchhändlerischen Unternehmen gezählt werden können. Hier mindestens ist das Motiv persönlicher Genugthuung dasjenige, welches uns geleitet hat. Genehmigen Sie, hochgeehrteste Dame, die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung, mit der wir verharren Ew. Hochw. gehorsamste Velhagen & Klasing.« Was sagst Du dazu? Fürs Erste: Ist die Buchhandlung reell und von gehöriger Ausbreitung? Viel zahlen scheint sie nicht zu wollen, am Liebsten gar nichts. Und wie stehts eigentlich mit dem Cotta? Du mußt nach dem Gespräche mit ihm und Hauff dieses so ziemlich wissen oder mindestens ahnden, nämlich ob ihm meine bereits eingesandten Gedichte, nebst denen aus dem »Malerischen und romantischen«, »Cölner Dom«, »Musenalmanach«, – so gut gefallen haben, daß er, wenn das Ganze ihnen entspricht, wohl zur Annahme geneigt wäre, oder ob er umgekehrt hierauf noch nichts giebt und ganz andere Zeichen und Wunder erwartet, in welchem Falle man die Sache für abgemacht ansehn müßte, da Du selbst jene Gedichte ja als die besseren ausgelesen hast und ich auch wohl nie eine schönere Ballade machen werde als den Grafen von Thal, den Erzbischof Engelbert von Köln, den Geierpfiff und das Second Sight. Schreib mir doch, ich bitte, ganz offen hierüber; du weißt, dieses ist nicht meine Achillesferse.
Grade als ich den Bielefelder Brief bekommen, ließ sich ein Landsmann bei mir melden. Ich flog wie ein Pfeil hinüber und stand vor einem wildfremden Menschen, den ich um seinen Namen fragen mußte, zu seiner größten Verlegenheit, da er mir glaubte eine Karte geschickt zu haben, die aber Laßberg gebracht worden war. »Er sei Bernhard Meyer«, – nun wußte ich so viel wie zuvor, und er mußte mir wieder selbst erzählen, »daß er ein Litterat sei, Dichter, Recensent, Mitarbeiter an verschiedenen Blättern, und geglaubt habe, mir durchreisend seine Aufwartung machen zu müssen.« Was ist denn an dem Menschen? Hat er denn wirklich mit seinen zweiundzwanzig Jahren schon einen Ruf und ist im Stande, reife Schriftsteller zu beurtheilen? Dich hatte er auch flüchtig gesehn, bei einem münsterischen Pseudogenie, was unter dem Namen Achat schreibe, meine ich, oder gar beim Fraling, ich weiß selbst nicht mehr. Er schien mir unmäßig eitel, taktlos, auch habe ich ihn im Verdacht der Prahlerei; aber offen war er übrigens, und ein Gedicht auf Napoleon, was er uns vordeclamirte, wirklich hübsch, sofern man etwas durch einen begeisterten Vortrag Gehobenes richtig beurtheilen kann. Er kam aus Zürich, wo er sich sechs Monate aufgehalten, und ging nach Stuttgart, wo er vom Cotta die eben vacante Redaction eines Blattes zu erhalten hofft. Er schien des Erfolgs, falls die Stelle nicht grade jetzt vergeben, und jedenfalls einer Beschäftigung durch Cotta ziemlich gewiß zu sein, wie er überhaupt wie einer sprach, der durch seine bisherigen Erfolge über seine künftige pecuniaire Stellung völlig beruhigt ist. Am Telegraphen war er auch beschäftigt und machte sein nahes, wie er sagte vertrautes Verhältniß zu Gutzkow auf eine Weise geltend, die mich glauben machte, es sei sein einziges. Kurz, er ließ alle seine Künste vor mir spielen, vernachlässigte aber Laßberg dermaßen, daß dieser höchst pikirt sich in seine Fensterecke zum Schreiben krümelte, und ich nöthig fand, ihn – den Meyer – auf den »Herausgeber des Liedersaals« aufmerksam zu machen, wo er dann etwas höflicher und in Folge dessen zu Tisch geladen wurde. Er will nächstens eine Tragödie herausgeben, Julius Caesar, rein antirepublikanischer Tendenz, wo er den Brutus am Ende seine Irrthümer einsehen und die Portia bewundernd vor dem Caesar niederknieen läßt. Ich habe ihm gradezu gesagt, wie wenig Erfolg ich dieser crassen Neuerung prophezeie, und vermuthe, dieses wird mir noch mal eine schlechte Recension eintragen. Schon früher hatte ich ihm, da er mich um meine gegenwärtigen Arbeiten fragte, von meinen Unterhandlungen mit Cotta, so wie von dem Bielefelder Brief gesagt; von Velhagen und Klasing rieth er mir ohne Weiteres ab, nannte sie eine untergeordnete Firma, die sich fast nur mit Übersetzungen befasse und noch kein einziges bedeutendes Originalwerk gegeben habe; vom Cotta dagegen sprach er eben so windbeutelig in Beziehung auf mich wie auf sich selbst, nämlich, daß es mir gar nicht fehlen könne, daß Cotta sich glücklich schätzen müsse &c. Ich erwarte von Dir nun die eigentliche Wahrheit.
Gottlob, daß ich die litterarische Prosa dieses Briefes hinter mir habe und von etwas Anderem reden kann. Also krank bist Du gewesen, mein armes gutes Herz, und so verlassen und gelangweilt dazu! Es ist jetzt vorüber, aber ich werde die Angst, daß Du wieder krank werden könntest, nicht los werden, besonders wenn ich noch zweihundert Stunden weiter fort bin. Gott, was ist das Getrenntsein doch für eine harte Sache! Wäre ich dagewesen, Niemand hätte mich von Deinem Bette fortgebracht, und Dir wäre auch wohler gewesen, wenn Du Dein Mütterchen gesehen hättest. O ich kann wohl Kranke pflegen und bin dann gar nicht hülflos, sondern, ich darf es wohl sagen, recht entschlossen und ausdauernd, wie überhaupt in allen Fällen, wo es Noth thut; Du hast mich nur noch in keinem solchen gesehn. Und Deine schöne Wiener Reise ist Dir mit der Gelegenheit auch so lumpig verhunzt worden! Jenny und Laßberg, bei denen Du Dich durch Deinen schönen langen Brief wieder ganz weiß gewaschen hast, sind auch ganz betrübt darüber und trösten sich nur damit, daß Du die Tour wohl bald mal wieder unter besseren Umständen machen würdest. Beide haben Dich herzlich lieb, und Laßberg ergreift jede Gelegenheit von Dir zu sprechen, wäre es auch nur, um mich auf eine harmlose Weise ein wenig mit meinem »Seelenfreunde« zu necken.
Von meiner Abreise habe ich weiter nichts gehört, da die Wintgens gegenwärtig in Frankreich sind, zweifle aber nicht, daß sie, bei ihrer großen Pünktlichkeit, am festgesetzten Tage – den 15ten Juni –– wirklich wie Steine vom Himmel fallen und mich mit sich fortkollern werden. Dann bin ich wieder in Rüschhaus, und für die jetzigen Erinnerungen treten die alten ein, wo Du mein Schulte warst; – denkst Du noch an mein Kanapee mit den Harfen, – meine Bank unter den Eichen? von der ich so schwer Abschied genommen habe, als ob es mich geahndet hätte, daß ich Dir dort nie wieder mit meinem Fernrohr auflauern würde, wenn Du durch den Schlagbaum trabtest, Deinen Rock auf dem Stocke. Das Vergehen und nie so Wiederkommen ist etwas Schreckliches! Wenn Du wieder nach Rüschhaus kömmst, bin ich ein altes Madämchen, und auch Dir sind derweil hundert Dinge durch den Kopf gegangen, und meine dicke Milch und zusammen gespartes Obst werden Dir nicht halb so gut mehr schmecken..
gestorben ist? Am Schlagflusse; Mama wußte in ihrem letzten Briefe noch nichts davon, obwohl sie es der Zeit nach längst hätte wissen können, sondern schrieb nur: »Sie erwarte täglich ihre Schwester Zuidtwig, die plötzlich den charmanten Einfall bekommen, sie zu besuchen.« Ohne Zweifel ist diese abgesandt, ihr die Nachricht beizubringen, und ich bin recht unruhig. bis ich einen Brief von Hause habe. Mama ist apprehensiv, namentlich vor dem Schlage, an dem nun schon binnen einem Jahre der zweite ihrer Brüder stirbt; zudem hatte sie Wernern sehr lieb. Mir hat dieser Tod einen mehr ernsten als traurigen Eindruck gemacht. Werner hatte sich gänzlich überlebt und schlich umher als eine klägliche Ruine glänzender Fähigkeiten und zahlloser im Keime verdorrter Entwürfe. Gott, wenn ich bedenke, was der Mann Alles vorgehabt, und dagegen halte, was er wirklich geleistet und erstrebt hat! Vanitas vanitatum! Und doch hat er sich geplagt und intriguirt, wie er schon kaum mehr auf den Füßen stehn konnte, und gewiß sind ein Dutzend solcher unreifen Embryone mit ihm zu Grabe gegangen. Vom August Haxthausen [Fußnote] Frh. August v. Haxthausen, Bruder des Vorhergehenden, gleich ihm ein genialer, hochbegabter Mann, der »insbesondre sich einen rühmlichen Namen durch seine Forschungen und Studien über älteste Agrarverfassungen, über Rußland und über die Länder jenseits des Kaukasus machte.« Schücking, Einleitung zu den Ges. Schriften v. A. v. Dr.-H.
erzählte Reinhard Brenken grandiose Dinge, »wie gnädig er in Berlin vom Könige aufgenommen sei,« und sprach von ich weiß nicht mehr was, Präsidentur, Gesandtschaft oder gar Eintritt ins Ministerium; kurz, es lautete fabelhaft, und da Mama keine Silbe davon schreibt, habe ich es auch ohne Weiteres ins Reich der fabelhaften Metamorphosen verwiesen.
wußte ich schon; requiescat in pace! Sie war mal sehr liebenswürdig und beinahe glücklich, seit Jahren aber keines von beiden mehr, da eine periodische Geistesverwirrung, die alle 7–8 Jahre auf einige Wochen eintrat und früher nur ein gesteigertes inneres Leben, einen höchst anziehenden Phantasie- und Gemüthsreichthum hinterließ, nach dem letzten Anfalle (vor 3–4 Jahren) ihr einen fortwährenden Zustand von Confusion und Grillenhaftigkeit zu Wege gebracht hatte, so daß sie sich selbst und Andern zur Last war und mein letztes Zusammentreffen mit ihr auf unsrer Herreise mir einen traurigen und unheimlichen Eindruck hinterlassen hat. Uebrigens hat sie unendlich viel erlebt, ihren Mann als Unterlieutenant gegen den Willen ihrer Verwandten geheurathet, ihr erstes Kind in einer elenden Hütte auf Stroh geboren, und ist eine sehr glückliche arme und sehr unglückliche reiche Frau gewesen. Ihre Erfahrungen, sowohl was Lebens- und Zeitverhältnisse als Beziehungen zu bedeutenden Menschen betrifft, waren höchst merkwürdig und ausgebreitet; sie hat mir früher Vieles davon mitgetheilt, was ich aber nie benutzen möchte, nicht weil es Geheimnisse wären, sondern weil es mir wie eine Grausamkeit vorkömmt, Poesie aus dem Unglücke seiner Freunde zu pressen. Requiescat! Ihr ist wohler unter der Erde als darüber.
Den 26sten (Fronleichnamstag). Ich schreibe Dir unter Kanonendonner, unter Pauken- und Trompetenschall. Die Bürgermiliz hat sich vor der Pfarrkirche aufgepflanzt und läßt ihr Geschütz, wirklich ordentliche Kanonen, seit vier Uhr Morgens, sechs Messen lang, so unbarmherzig zu Gottes Ehre knallen, daß fast in jedem Hause ein Kind schreit; und wir auf dieser Seite haben alle Fenster aufsperren müssen, damit sie nicht springen. In den Schwaben ist doch mehr Lust und Leben wie in unsern guten Pumpernickeln! Stiele hat sich in eine Uniform gezwängt, die aus allen Nähten bersten möchte, und maltraitirt die große Trommel mordmäßig. Als ich aus der Kirche kam, salutirte er höchst militairisch und sagte dabei höchst bürgerlich: »Guten Morgen, gnädiges Fräulein!« Da höre ich soeben die Prozession kommen. – Sie ist vorüber gegangen, meine gute Jenny mitten drin, zwischen lauter alten Frauen, unter denen sie, mit ihren zwei schneeweißen Kinderchen an der Hand, ordentlich wie ein frommes anmuthiges Madönnchen aussah; sie kann mich oft recht rühren, besonders wenn ich denke, wie bald sie Wittwe sein wird. Stell Dir vor, Laßberg machte sich, wie ich von den Strengs erfahren, bedeutend jünger als er ist; sein Bruder Alexander, der zwei Jahr jünger war und schon vor drei Jahren starb, hat, wie auf den Todtenzetteln stand, das Alter von zweiundsiebzig Jahren erreicht; also muß Laßberg nahe an achtzig sein. Ich kann ihn, seit ich dieses weiß, nie ohne Sorge ansehn, und seine Eigenheiten scheinen mir verzeihlicher sowie seine innere Frische viel bewundernswerter als zuvor, und ich fühle, daß ich von einem so steinalten Manne viel zu viel verlangt habe. Um so mehr leid ist es mir, daß Carl Laßberg jetzt plötzlich nach Böhmen versetzt ist, und ich begreife Laßbergs große Verstimmung bei dieser Nachricht, da er jetzt den Sohn wohl schwerlich in seinem Leben wiedersehn wird; auch ich denke jetzt: einmal in Meersburg, zum ersten und letzten Male. Die Kessels werden wahrscheinlich fortziehn, da seit der Eleven-Entlassung um Pfingsten ihr junges Personale auf zwei oder drei zusammen geschrumpft ist, und nach ein paar Jahren würde ich hier wahrscheinlich keinen Menschen mehr finden, der mir nur einen Stuhl böte; der gute Herr Hufschmidt möchte denn noch am Leben sein und mir »ä Täßle Kaffee« präsentiren. Das ist auch Vanitas vanitatum! Was dann aus Jenny und den Kindern werden wird, muß ich mit Geduld und geringer Hoffnung abwarten, da es leider nur zu gewiß ist, daß Laßberg sein Vermögen nicht angelegt hat; und mit Lasaregg ist es auch nichts, die Besitzer dürfen bürgerlich sein, und so tritt der Sohn der Erblasserin ohne Hinderniß ein. Viele meinen, Laßberg hätte früher große Summen eingepökelt, und es würden sich ganze Tonnen voll Geld finden. Gott gebe es! aber ich glaube nicht daran, obwohl man aus seinem oft ausgesprochenen Wunsche, daß Jenny nach seinem Tode die Meersburg behalten möge, schließen sollte, daß er auch ohne dieses ihre Zukunft gesichert wüßte. Aber wer so leichtsinnig Geld vertrödelt wie er, pflegt sich überall mit der Rechenkunst nicht viel abzugeben.
Neues giebt es hier sonst nicht. Unser Liebhabertheater hat um Ostern seine letzte Darstellung, den Till Eulenspiegel, gegeben, wo Herr Grimm zum letzten Male als Till alle Herzen bezaubert, dann Jennyn seine Nachtigall verkauft hat und am folgenden Tage auf den Thränen aller Meersburgerinnen nach Karlsruhe geschwommen ist, wo ihn weniger Ruhm, aber ein hübsches Ämtchen erwartet, was er leider keine unserer schönen Damen eingeladen hat mit ihm zu genießen. Herr Stiele scheint etwas betroffen über den Verlust seiner glänzenden Theaterstellung, macht sich aber desto breiter bei andern Späßen und hat z. B. am vorigen Sonntage, wo beim Figel große Fete mit türkischer Musik war, aus reiner Kunstliebe die große Trommel gehandhabt, daß alle Bänke zitterten; er sah köstlich aus in seinen Hemdärmeln, seine dicken Arme schwingend, roth um den Kopf wie ein Puter, und die Wahlverwandtschaft mit seinem Instrumente war gar nicht zu verkennen. Jetzt habe ich seit vierzehn Tagen seine angenehme Nachbarschaft; es ist nämlich ein langer Tisch in mein Vorzimmer gestellt worden, auf dem er für Laßberg den Bauriß des Cölner Doms illuminirt. Ich gäbe für das Ding keinen Gulden, und er bekömmt zwölf Kronen dafür, ist aber so faul, daß er wenigstens sechs Wochen darüber pinseln wird und also doch dabei Hunger leiden muß; denn Laßberg hat ihn dieses Mal nicht in Kost und Logis genommen, wie früher beim Copiren seiner beiden Missale-Deckel, wo Stiele es möglich gemacht hat, vier Monate drüber zu arbeiten, so daß Laßberg ihn vor Ungeduld fast zum Hause hinaus geworfen hätte. Es ist doch ein Windbeutel in folio. Er ist so kühn, daß er anfangs unter allerlei Vorwänden mehrere Male in mein Zimmer kam; jetzt habe ich mich aber abgesperrt, gehe durch das Kämmerchen und die Küche aus und ein, und er kann seiner Allemannskoketterie nur durch die künstlichsten Arien und Läufe Lust machen, die er während der Arbeit so gleichsam hinwirft, und die oft seltsam verunglücken.
Ich habe seit Kurzem enormes Glück mit Kaufen und Schenken gehabt. Z. B. im vorigen Jahre wünschte der arme Sprick [Fußnote] Der Maler Sprick in Münster, der, mit einer zahlreichen Familie gesegnet, schwer mit Lebenssorgen zu ringen hatte. Annette stand ihm und den Seinen treulichst und oft über ihre Kräfte hinaus bei. zwölf köstliche alte Kupferstiche zu verkaufen, für die er – wie er meinte ein Spottpreis –– fünfzehn Thaler gegeben hatte, sie aber aus Noth für fünf wieder ablassen wollte. Jetzt lasse ich auf ein mir unbekanntes Kupferwerk in Schaffhausen bieten; es kömmt vorigen Dienstag an, drei Folianten, Preis vier Gulden, und enthält – außer den zwölfen noch hundert gleich herrliche Kupfer, alle von demselben Meister. Wat segst du over nu? Noch wohlfeiler wären die Geschenke, wenn ich nicht den hinkenden Boten, ich meine die frühere oder spätere Revanche, fürchtete. Wären die guten Leute alle Sammler, dann hülfe ich mir mit meinen Doubletten durch, nun aber wird noch mancher Groschen im Laden springen müssen. Alles macht mir Abschiedsgeschenke und Abschiedsbesuche, so daß ich mein Leben mit melancholischem Lächeln und Händedrücken hinbringen muß; lächerlich wär es, wenn die Wintgens nun ausblieben. Lottchen Ittner hat mir zweiundzwanzig prächtige Kupferstiche geschenkt, Stanzen, eine Medaille, die sich öffnen läßt und zwölf wunderhübsch gemalte Augsburger Trachten enthält, Rüplins eine ganz ähnliche mit neunzehn Legendendarstellungen, der Oberst Ensberg Muscheln, Mineralien, Mosaik, Helene Laßberg, Fritzens Wittwe, dito Muscheln; kurz, ich bin überreich, und werde in Folge dessen bald blutarm sein, wenn ich mir nicht mit dem Dir so verhaßten Ausschneiden theilweise durchhelfe. Du siehst, an Besuchen hat es uns nicht gefehlt; außerdem war Reuchlin – der Dich herzlich grüßt – zweimal hier und will vor meiner Abreise noch einmal kommen. Strengs haben uns vier Tage etwas vorgegähnt, und dann noch zwei alte Freunde von Laßberg mit Frau und Kind, die auch mehrere Tage blieben; ich bewundere mich selber, daß ich doch noch etwas derweil gearbeitet habe. Ob viel? »Den Umständen nach«, wie es in den ärztlichen Bulletins heißt. Die bewußten Aufsätze erhältst Du indessen ganz nächstens; antworte mir nur ja jetzt gleich, wegen Cotta und Velhagen, was ich von dem Ersteren zu erwarten habe, um meine nothwendig baldige Antwort an den Zweiten danach einzurichten. Soll ich etwa, wenn es mit dem Cotta sehr zweifelhaft und Velhagen nicht annehmbar wäre, bei Adelen wegen des ( nescio ob Jenaers oder Leipzigers) anfragen? Es ist doch immer etwas, daß er sich mal angeboten hat, und zwar »für jedes Genre«, wie der Brief ausdrücklich sagte, was doch ein gutes Vertrauen auf meine Feder verräth.
Im Museum war ich seit einigen Tagen nicht, bis dahin war meine Judenbuche beendigt, von der ich nur das im vorigen Briefe Gesagte wiederholen kann, nämlich: daß ich den Effekt fand, wo ich ihn nicht suchte, und umgekehrt, das Ganze aber sich gut macht. Es ist mir eine Lehre für die Zukunft und mir viel werth, die Wirkung des Drucks kennen gelernt zu haben. Gestrichen hat man mir nur einmal ein paar Zeilen, nämlich das zweite Verhör ein wenig abgekürzt; wenn Du es nicht schon gethan hattest, worüber ich ungewiß bin. Zuerst war ich zürnig, grimmig wie eine wilde Katze, und brauste im Sturmschritt nach Deisendorf; auf dem Rückwege war ich aber schon abgekühlt, und gab dem Operateur – Hauff, Dir, oder gar mir selbst – Recht; sonst ist Wort für Wort abgedruckt. Unmittelbar hinterdrein erschien »Die Judenstadt in Prag« von Kohl. Ich erschrack und dachte, es sei eine gute Erzählung, mit der man die Leser für meine schlechte entschädigen wolle; statt dessen war es aber ein meiner Geschichte gleichsam angereihter Aufsatz über die Stellung der Juden überall und namentlich in Prag. Jetzt schien mir eher etwas Günstiges darin zu liegen, als ob man das Interesse der Leser durch meine Judenbuche für diesen Gegenstand angeregt glaube; habe ich Recht oder nicht? Auch die »Bilder aus dem Soldatenleben im Frieden« fangen wieder an sich fortzuspinnen. Poetisches? Sehr schlechte Deutsche Lieder von Knapp und ein Gedicht von Freiligrath; den Titel habe ich leider vergessen, es hat mir aber durchaus nicht gefallen. Der Held aus der Reformationszeit, ich glaube Ulrich v. Hutten, würfelt auf einer Felsplatte mit Felsblöcken, wo jetzt ein Bad steht, und auch die Würfel klingen; der Refrain: »ich habs gewagt« zuweilen ziemlich bei den Haaren herbeigezogen; von Dir oder mir noch keine Zeile.
Der Merkur ist seit einigen Tagen ausgeblieben; was mag das bedeuten? Nach den vielen Bränden überall wird man ordentlich apprehensiv. Bisher stand, außer dem Hamburger Unglück, was alle Blätter anfüllt, nichts darin als Heringe und Bücklinge und diverse Schuster und Schneider, die die Welt durch ihr Abscheiden betrübt oder mit Nachkommenschaft erfreut hatten.
Den 27sten. Soeben komme ich vom Museum, voll Jubel über Dein Westphalen, was in Nr. 122 (23sten Mai) steht und sich ganz köstlich macht. Du bist doch ein Baasjunge! Meine Mütze kann ich nicht in die Luft werfen wie Freiligrath, weil ich keine trage, aber ich möchte Dich zu Brei zusammen drücken, wenn ich Dich nur hätte! Du Schlingel, warum bist Du nicht bei mir! Es ist doch sonderbar, wie das Drucken metamorphosirt; für so unendlich schöner wie Deine »Meersburg« hätte ich das Gedicht nicht gehalten, obwohl Du dieser auch Unrecht thust, die immerhin eine hübsche Poesie bleibt.
Deine Idee mit den Reisebriefen, wo Du dem guten Laßberg seinen Verlust erstatten willst, lobe und billige ich; laß ihn aber nur nicht in der Feder bleiben. Daß Du so dumm geworden bist und nichts für den Lewald weißt, thut mir leid; ich habe dieses aber schon an mehreren alten Leuten erlebt, z. B. dem Wessenberg, und mir, die auch nichts für den Lewald weiß, – wenn ich ihm nämlich noch was liefern muß, worüber Du mich bisher im Dunkel gelassen hast.
Von Elisen habe ich einen neuen Brief, wo sie mir für meine Nachrichten dankt und große Freude über meine nahe Zurückkunft äußert. Die Bornstedt ist nicht in Herbern geblieben, – auf Anrathen ihrer Freunde, wie sie sagt – sondern fortwährend in Münster, wo sie Elisen und mir alles gebrannte Herzeleid anzuthun sucht. Aber wart, du schwarze Hexe, ich will dich schon zusammensetzen, wenn ich erst da bin! Rüdigers Versetzung liegt im weiten Felde, und Elise glaubt nicht mehr daran. Aber – wie doch der litterarische Geschmack verschieden ist! – meine »Weltverbesserer«, das einzige meiner Gedichte, was mir auswärts wirkliche Beachtung zu Wege gebracht hat, scheint in Münster höchst klatrig fortzukommen; wenigstens giebt mir Elise allerlei verschleierte Winke über »Unverständlichkeit« und »vernagelte Köpfe«. – Im Lafleur hat sie die Bornstedt auf der Stelle erkannt und meint, es werde Jedem so gehn, außer ihr selbst. Schlüters sind mit etwas besseren Hoffnungen von Grefrath zurückgekommen. Die Bornstedt scheint sich ganz dort eingenistet zu haben, wie sie jetzt auch höchst intim mit der Lombard ist; es wird doch etwas dazu gehören, sie in die Luft zu sprengen. Mit Junkmann geht es schlecht; zweimal hat er gehofft, befördert zu werden, und zweimal ist Einschub gekommen. Adieu, mein liebes altes Herz; ich habe Alles so vollgequackelt, daß ich Dir kaum noch sagen kann, wie unmenschlich lieb ich Dich habe, und wie ich immer an Dich denke. Adieu.
Jenny und Laßberg grüßen tausendmal.
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | letter |
| booktitle | Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking |
| author | Annette von Droste-Hülshoff, Levin Schücking |
| editor | Theo Schücking |
| year | ca. 1895 |
| publisher | Fr. Wilh. Grunow |
| address | Leipzig |
| title | Briefe von Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking |
| pages | III-XI |
| created | 20030319 |
| sender | gerd.bouillon@t-online.de |
| firstpub | 1893 |
| pfad | /droste/brdroste/book.xml |
Obst
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
| Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Obst (Begriffsklärung) aufgeführt. |
Obst ist ein Sammelbegriff der für den Menschen genießbaren Früchte und Samen von meistens mehrjährigen Bäumen und Sträuchern, die zum größten Teil roh gegessen werden können.
Inhaltsverzeichnis |
Begriffsklärung
Ursprünglich bedeutete der althochdeutsche Begriff obez als „Zukost“ alles, was außer Brot und Fleisch verzehrt wurde, auch Hülsenfrüchte, Gemüse und Ähnliches.
Die Unterscheidung zwischen Obst und Gemüse ist unscharf. In der Regel stammt Obst von mehrjährigen, Gemüse von einjährigen Pflanzen, und der Zuckergehalt beim Obst ist meistens höher. Botanisch gesehen entsteht Obst aus der befruchteten Blüte. Gemüse entsteht aus anderen Pflanzenteilen. Paprika, Tomaten, Zucchini, Kürbisse und Gurken sind zwar Früchte, werden aber gemeinhin wegen der fehlenden Süße bzw. Säure nicht als Obst, sondern als Fruchtgemüse bezeichnet, gehören jedoch laut der obigen Definition auch zu Obst. Rhabarber hingegen ist ein Pflanzenstängel, wird aber auch als Obst verwendet.
Die unten beschriebene Einteilung von Obst (Kernobst, Steinobst …) ist die heute im Handel übliche. In der Botanik dagegen fasst man unter dem Sammelbegriff Obst „alle diejenigen kultivierten oder wild wachsenden Samen und Früchte zusammen, die im allgemeinen roh gegessen werden und von angenehmem, meistens süßlichem oder säuerlichem Geschmack sind. Sofern es sich dabei um Samen handelt, sind diese wegen des Kaloriengehalts meistens sehr nahrhaft, während Früchte, deren Samen vielfach nicht mit verzehrt werden, in der Regel Fruchtfleisch mit hohem Wassergehalt darstellen. Sie haben deshalb meistens nur einen geringen Nährwert, haben dagegen meistens einen hohen Gehalt an Vitaminen und Mineralsalzen“ [1].
Einteilung
Die Einteilung von Obst erfolgt in Gartenbau und Handel in Kernobst, Steinobst, Beerenobst, Schalenobst, klassische Südfrüchte, weitere exotische Früchte, und wie Obst verwendetes Gemüse.
Sortiert werden die einzelnen Früchte nach Größe und Qualität auch in verschiedene Handelsklassen.
Daneben gilt auch eine Einteilung nach „heimisch“, und importierte Waren verschiedener Art (etwa als Flugobst) aus Sicht der Herkunft und des Transports, sowie seit einiger Zeit aus biologischem Anbau in Sinne einer Qualitätsangabe. Außerdem gibt es noch kaum gewerbsmäßig genutztes Wildobst.
Siehe auch
- Nutzpflanzen
- Obstbau
- Flugobst, über den Transport per Flugzeug
- Gemüse, Liste der Gemüse
- Fruchtgemüse
- Rohkost
- Bildtafel Obst und Gemüse
Literatur [Bearbeiten]
- Wolfgang Franke: Nutzpflanzenkunde: nutzbare Gewächse der gemäßigten Breiten, Subtropen und Tropen. 6. Auflage. Thieme, Stuttgart 1997, ISBN 3-13-530406-X
- G. Liebster: Warenkunde Obst. Hädecke, 1999, ISBN 3-7750-0301-0
- Pierre-Marie Valat; Pascale de Bourgoing: Der Apfel und andere Früchte. Mannheim 1992, ISBN 3-411-08541-X
- Lothar Bendel: Das große Früchte- und Gemüselexikon, Patmos, 2002, ISBN 3-491-96066-5
- Siehe auch Literatur des Artikels Nutzpflanzen
Weblinks [Bearbeiten]
Commons: Obst – Bilder, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Obst – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
Quellen [Bearbeiten]
- ↑ Franke, S. ?
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Bibliografische Angaben für „Obst“
- Seitentitel: Obst
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- Datum des Abrufs: 18. Februar 2008, 18:34 UTC
Bauernregel Dienstag 19. Februar 2008
Michelangelo Buonarroti
An die Nacht
This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net
Title: Michelangelo Gedichte und Briefe
In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini
Author: Michelangelo Buonarroti
Release Date: May 11, 2005 [eBook #15813]
Language: German
Character set encoding: ISO-8859-1
Hermann Löns
Nebel
Den Sonnenuntergang von gestern vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht; er war von beängstigender Schönheit. Die bleiblaue Wetterwand über den schwarzen Kopfweiden riß mit einem Ruck auseinander, und in dem Loch erschien die Sonne mit blutrotem Wutgesichte, umgeben von einer Gefolgschaft tobsüchtiger Gespenster.
Eine Viertelstunde währte der Kampf zwischen dem Tagesgestirn und der Abendwolke; dann mußte die Sonne die Walstatt räumen und abermals klatschte der Schneebrei in dichtem Gestöber herunter, begrub die letzten freien Stellen der vereisten Wiesen und verschüttete die Saaten. Ich stand unter den drei verrenkten Weidenkrüppeln, von schwarzem Ellergebüsch und gelbem Rohr gut gedeckt, und lauerte auf die Gänse.
Vor mir fielen die Ammern in ihren Schlaf büschen ein, Saatkrähen und Dohlen flogen heiser krächzend und schrill rufend dem fernen Walde zu, ein Bussard ließ sich auf dem Stumpfe der vom Blitz zerschlagenen Pappel nieder, äugte eine Weile umher und schwang sich weiter, Enten klingelten vorüber, jenseits des Flusses schlich der Fuchs auf dem Eise entlang und bald hier bald da erklang das heisere Gegacker vorbeisausender Gänse. Aber alle strichen zu hoch oder zu weit weg, und erst als schon fast kein Schußlicht mehr war, kamen sieben über mich hingebraust, und die eine davon ward mein. Mein Freund brachte vier in den Krug mit.
Da saßen wir noch eine Weile, tranken Teegrog mit den Fischern und Schiffern, sahen zu, wie die dralle Mieke die Arme am Spinnrade rührte, ließen uns von der bösen Flut erzählen, bis Janhein mit der Ziehharmonika kam. Da ging es denn los mit Spiel und Sang bis die Kastenuhr die elfte Stunde anmeldete und Klausenvater Feierabend machte. Als ich in dem breiten Bette lag, hörte ich den Sturm den Schnee gegen die Scheiben schmeißen und alle die Lieder gröhlen, die Mieke und die Burschen gesungen hatten, und als ich aufwachte, vernahm ich Mieke in der Küche hin und her gehen und mit ihrer schönen, klaren Stimme singen: »In einem Tale, wo Ostwind wehte, da stand Luise beim Blumenbeete, stand eine Blume so weiß wie Schnee; so eine Blume hatt’ ich noch nie gesehn.«
Nun gehe ich durch den Nebel, der so dick ist, daß ich meine, ihn mit Händen fassen zu können, und der einen strengen Waschküchengeruch hat. Die Kopfweiden, die ab und zu daraus hervortauchen, sehen wie lächerliche Gespenster aus, und die Büsche in den Wiesen sind zu allerlei albernen Ungeheuern geworden. Es ist viel Schnee gefallen über Nacht, und da es gefroren hat, so ist er fest geworden. Das ist schlimm für die Gänse, aber gut für mich, denn sie werden heute lange in Bewegung sein und der unsichtigen Luft wegen tiefer als sonst streichen. Hier und da und dort vernehme ich ihr heiseres Dadadadä und Gaigaigaigä und mache mich schußfertig, ehe ich auf dem Stande bin. Doch der Nebel ist so dick, daß ich die drei Flüge, die am nächsten bei mir vorübersausen, nicht zu Blick kriege.
Ich nehme meinen alten Stand unter den drei zusammengedrängten Krüppelweiden ein, ziehe den Mantel über und stelle mich auf den mit Kaff gefüllten Rucksack. Ich kann kaum dreißig Gänge weit sehen. Hier steht ein Weidenbaum, der wie ein hagerer Bär aussieht, der mit der Pranke nach mir zu schlagen droht, da reckt ein anderer ein wild gemähntes Löwenhaupt aus dem Nebel, und dort wird ein dritter sichtbar, einem betrunkenen Kerl ähnlich, der mit den Armen in die leere Luft greift, um Halt zu finden. Vom Flusse kommt das Knirschen und Knarren des treibenden Eises und das Klickern und Kluckern des Wassers, ab und zu übertönt von dem anschwellenden und abflauenden Gegacker der Gänse, die drüben stehen müssen.
Ich stehe und starre in den weißen Nebel hinein, lausche auf das gereizte Gespräch zwischen Eis und Flut und das aufgeregte Gequackel der Gänse, sehe dem Hasen nach, der wie ein Schatten zwischen den verschwommenen Rohrhorsten auftaucht und verschwindet, nehme den Drilling hoch, denn ich höre Gänse heranstreichen, lasse ihn wieder sinken, weil sie außer Sicht vorübersausen, höre von drüben viermal kurz hintereinander den Donner der Schnellfeuerflinte meines Jagdfreundes, habe mit einem Male den Kolben im Gesicht, drehe mich jäh herum und halte auf den mittelsten der vier Schatten, die mit Gegicker und Gegacker über mich hinbrausen, drücke zweimal, sehe eine Gans sich im Feuer drehen und höre sie in das Röhricht schlagen, freue mich und ärgere mich gleich hinterher, denn ehe ich geladen habe, rauschen schon wieder sieben Gänse und dann noch drei über mich fort, habe dann wieder den Kolben an der Backe, schieße zwei Löcher in den Nebel, lade hastig und fühle, wie mir trotz der rauhen Luft Stirn und Nacken heiß werden, höre abermals drüben drei Schüsse hart aufeinander folgen, muß die zwei Gänse, die mir von hinten kommen, auslassen, weil die Zweige der Weiden sie decken, solange sie in Schußnähe sind, und lauere dann eine ganze Weile umsonst.
Mir ist so, als verdünne sich der Nebel etwas. Eine kühle Luft geht, die grauen Rispen des Rohres schwanken hin und her und die Halme rauschen eine herbe Weise. Lauter kluckst die Flut, stärker knirscht das Eis und das überschneite Schilf raschelt geisterhaft. Das Gequatter der Gänse am anderen Ufer bricht ab, setzt dann wieder ein, vermischt sich mit wildem Flügelschlagen, verliert sich ganz in der Ferne, und ist nach dem Doppelschusse, der von dort herüberschallt, plötzlich vor mir und über mir. Hier und da und dort tauchen lange Hälse und breite Schwingen auf. Ich lasse die Schar vorüber und feuere hinterher. Zweimal plumpst es dumpf herunter, und ein unregelmäßiges Geflatter und Geknaster folgt darauf, ich lade schnell, spring dann hin, greife die schwer geflügelte Gans und genicke sie, verpasse derweilen ein paar andere, die ganz tief vorbeisausen, bin aber dennoch froh über die drei, die vor mir liegen.
Es weht stärker. Das Rohr schwankt hastig auf und ab, und die hart gefrorenen Ellernbüsche klappern. Der Nebel zerreißt und löst sich in lauter Geistergestalten auf, die einen heimlichen Tanz vollführen. Immer noch streichen Gänse, doch höher als bisher, desgleichen Enten. Vor mir sind Gänse eingefallen. Noch bekomme ich sie nicht zu Blick, zu dick steht der Nebel zwischen mir und ihnen. Aber jetzt beginnt es sich zu rühren. Ein Weidenbusch wird sichtbar, ein Pfahl taucht auf, Rohrhalme erscheinen. Ellern zeigen sich, ein Reh zieht vorüber, eine Krähe fliegt dahin. Irgendwo schnarrt ein Zaunkönig, ein Goldfink lockt, Zeisige zwitschern. Immer wieder schallt das Gegacker der Gänse aus dem Nebel heraus; doch bleiben sie unsichtbar, obgleich sie nicht allzuweit von mir stehen müssen.
Schließlich werde ich das Passen leid, zumal meine Füße trotz der warmen Unterlage kälter und kälter werden. So streife ich mir den Reif aus dem Bart und aus den Augenbrauen und rücke bis zur nächsten Eller vor. Die Gänse sind gar nicht weit von mir, doch ist gerade hier der Nebel so dicht, daß ich sie nicht zu Blick bekomme. Über mir aber hellt es sich immer mehr auf. Lange wird es nicht mehr währen, dann schickt die Sonne den Wind hinunter und der jagt den Nebel von dannen. So pirsche ich noch etwas voran, drücke mich hinter einen geborstenen Weidenstamm und lauere dort weiter. Das Gegacker ist verstummt; die Gänse müssen das Knurpsen des Schnees unter meinen Stiefeln vernommen haben. Aber nun setzt der Lärm wieder ein und ich kann an ihm merken, daß ich mich verschätzt habe, die Gänse sind noch weit genug.
Wieder geht es weiter; von der Weide schleiche ich nach einem Rohrhorst, von da zu einem Weidengebüsch, von dort hinter eine Eller. Die Luft wird kälter, der Nebel dünner. Immer mehr Vogelstimmen werden vernehmbar. Ein heftiger Windstoß hellt die Luft vor mir auf. Der Nebel zerreißt, ich sehe, aber nur als Schatten, fünf lange, hochgereckte Hälse im nächsten Augenblick fällt der hellgraue Schleier wieder davor herunter. Ich weiß nun nicht, soll ich vorwärts gehen oder soll ich stehen bleiben, denn ich kann nicht erkennen, ob ich noch weiter Deckung vor mir habe. Da flackert der Nebel abermals auf, zeigt mir die Gänse ganz klar und ehe er sie wieder verwischt, habe ich gestochen, angestrichen und der mittelsten Gans die Kugel angetragen.
Sofort ist der Nebel wieder da. Ich stelle auf Schrot um und renne dahin, wo das Geschnatter und das Flügelschlagen erschallt. Doch ich komme vor einen Graben, dem Eise ist nicht zu trauen und so muß ich die Gänse unbeschossen abziehen lassen. Ich lange die eine, der mein Blei das Leben nahm, auf und gehe dahin, wo die anderen liegen. Von drüben her fallen zwei Schüsse. Dann kommt ein hohler Schrei daher. Ich schütte das Kaff aus dem Rucksack, hänge die Gänse daran, schlage ihn über den Rücken und gehe der Brücke zu. Der Nebel wallt hin und her, legt sich zu Boden, und über ihm kommt die Sonne heraus; sie vergoldet das Eis, versilbert den Schnee und macht aus den Weiden lodernde Flammen.
Fortwährend zwitschern Zeisigflüge dahin, und überall locken Dompfaffen, quietschen Bergfinken. Dann und wann schwebt eine Krähe vorüber, macht eine Bogen, wenn sie mich eräugt, und warnt ihre Genossinnen durch einen rauhen Ruf. Das gellende Gelächter des Grünspechts kommt von der Kopfweidengruppe am Flusse. Ein Bussard schwebt über den Wiesen, deren Eisdecke glitzert und flimmert. Rund und voll steht die Sonne über den Pappeln und jagt den Nachtnebel völlig von dannen.
An der Vorflutbrücke lehnt mein Freund. Sieben Gänse und ein großer Sägetaucher liegen zu seinen Füßen. Ich sehe ohne Neid danach hin, obschon meine Strecke nur halb so groß ist. Es ist lange her, daß ich nicht auf Gänse jagte, und so kann ich ganz zufrieden sein, zumal die Welt rundumher so schön ist, die silberne Welt im goldenen Sonnenscheine, seitdem der Nebelschleier von ihr wich.
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | fiction |
| author | Hermann Löns |
| title | Kraut und Lot |
| corrector | reuters@abc.de |
| sender | www.gaga.net |
| created | 20060601 |
| projectid | 8f464659 |
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Nebel
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
| Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Nebel (Begriffsklärung) aufgeführt. |
Nebelmeer über dem Schweizer Mittelland mit Zugerberg im Vordergrund
Nebel in einem Tal bei Bouchegouf, Provinz Guelma (Algerien)
Unter Nebel (althochdeutsch nebul über lateinisch nebula von griechisch nephele „Wolke“) versteht man in der Meteorologie fein verteilte Wassertröpfchen, die durch Kondensation der feuchten und gesättigten Luft entstanden sind. Technisch gesehen ist Nebel ein Aerosol, in der meteorologischen Systematik wird er jedoch zu den Hydrometeoren gezählt.
Erst bei einer Sichtweite von weniger als einem Kilometer wird von Nebel gesprochen. Sichtweiten von einem bis etwa vier Kilometern gelten als Dunst. Nebel wie Dunst unterscheiden sich von Wolken nur durch ihren Bodenkontakt, sind jedoch ansonsten nahezu identisch mit ihnen. Einen Nebel in räumlich sehr begrenzten Gebieten bezeichnet man als Nebelbank und einen Tag, an dem mindestens einmal ein Nebel aufgetreten ist, als Nebeltag.
Bei einer Sichtweite von 500 bis 1.000 Metern spricht man von einem leichten, bei 200 bis 500 Metern von einem mäßigen und bei unter 200 Metern von einem starken Nebel. Von Laien wird dabei meistens nur eine Sichtweite von unter 300 Metern auch als Nebel wahrgenommen.
Inhaltsverzeichnis
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Allgemeine Entstehungsbedingungen und Eigenschaften
Nebelbank mit Strahlenbüscheln
Nebel entsteht bei einer meistens stabilen Atmosphärenschichtung, wenn wassergesättigte Luft aufgrund unterschiedlicher Ursachen den Taupunkt erreicht. Die Unterscheidung von Nebeln in bestimmte Arten wie Abkühlungs-, Verdunstungs- oder Mischungsnebel bezieht sich auf diese unterschiedlichen Ursachen und wird im Abschnitt Nebelarten thematisiert.
Die Sättigungsmenge der Luft, also die maximale Wasserdampfmenge die die Luft enthalten kann, ohne dass Kondensation eintritt, ist dabei von vielerlei Faktoren abhängig. Auf sie wird im Artikel Sättigungsdampfdruck eingegangen. Ein Absinken der Temperatur oder eine Erhöhung des absoluten Wassergehalts über die Sättigungsmenge hinaus hat im Idealfall eine sofortige Kondensation zur Folge, es bilden sich also kleine Wassertropfen. In wieweit diese Kondensation aber wirklich sofort erfolgt, oder erst Übersättigungen notwendig sind, hängt dabei wesentlich von den Kondensationskernen ab. An ihnen kann sich der kondensierende Wasserdampf anlegen und geht damit wesentlich leichter in den flüssigen Aggregatzustand über, als es ohne Kondensationskerne der Fall wäre. Es handelt sich daher bei der Bildung von Nebeltropfen um eine heterogene Nukleation, die ohne bestehende Oberflächen nicht möglich ist. So kann dann auch, vor allem bei entsprechender Luftverschmutzung, eine Mischung aus Nebel, Rauch-, Ruß- und anderen Partikeln entstehen und zu einer überdurchschnittlichen Nebeldichte führen, man spricht von Smog. Von besonderer Bedeutung sind auch die Oberflächeneigenschaften dieser Partikel, insbesondere deren Hygroskopie.
Wesentliche Faktoren, die über die Nebelbildung entscheiden, sind daher zum einen die Verfügbarkeit von Wasserdampf und zum anderen ein breites Spektrum an Faktoren wie Aerosolteilchenkonzentration, Temperaturverteilung, Orografie sowie die vor allem thermischen Oberflächeneigenschaften des entsprechenden Geländes.
Tröpfchengröße und Nebeldichte
Die Tröpfchendurchmesser innerhalb eines Nebels sind mit wenigen hunderstel Millimetern wesentlich geringer als in einer typischen Wolke, durch die unterschiedlichen Kondenssationskerne schwanken sie jedoch auch stark zwischen den einzelnen Tropfen. Dabei entscheidet deren Größe, ob ein Nebel nässend ist oder nicht. Ist er leicht nässend, so handelt es sich um eine Tröpfchengröße von im Mittel 10 bis 20 μm, bei dichtem Nebel sind es eher 20 bis 40 μm. In Einzelfällen wurden auch schon Tröpfchengrößen von 100 μm festgestellt, dieses ist aber eine Ausnahmeerscheinung. Kleinere Tropfenradien weisen dabei eher auf maritime Bedingungen hin, größere Radien hingegen auf kontinentale Verhältnisse. Bei Nebel enthält ein Kubikmeter Luft in Form der Tröpfchen etwa 0,01 bis 0,3 Gramm auskondensiertes Wasser.
Ort und Auftreten
Der meiste Nebel entsteht im Winterhalbjahr in der Nähe von Gewässern, da in dieser Jahreszeit die Sonne tagsüber Wasser verdunstet, die Luft sich abends aber so stark abkühlt, dass das Wasser wieder kondensiert. Wenn es im Sommer plötzlich zu einem Kaltlufteinbruch kommt, kann auch in dieser Zeit Nebel auftreten, was jedoch nicht allzu häufig geschieht. Wenn Nebel bei Temperatur über 0 °C an Pflanzen und anderen Gegenständen kondensiert, so entsteht Tau. Liegt die Temperatur unter dem Gefrierpunkt, so kann sich Reif absetzen.
Nebel kann in nahezu allen Klimazonen vorkommen und seinem Charakter nach sowohl sporadisch als auch regelmäßig bzw. lang- oder kurzlebig auftreten. Die höchste Nebelhäufigkeit zeigt sich dabei in feuchtereichen Gebieten und bei großen Temperaturschwankungen bzw. starker Abkühlung. Dieses ist besonders beim Zusammentreffen kalter und warmer Meeresströmungen sowie in Upwelling-Bereichen der Fall. Die wahrgenommene Nebelhäufigkeit ist dabei jedoch vielmehr an die Beobachtung gebunden, weshalb sie häufig in Richtung von Siedlungsräumen gegenüber der tatsächlichen Nebelhäufigkeit erhöht ist bzw. man diese ohne empirische Basis als nebelreicher einschätzt. Auch die räumlichen Skalenbereiche können dabei stark schwanken, so kann ein Nebel eine horizontale Ausbreitung von wenigen hundert Metern, aber auch teilweise hunderten von Kilometern besitzen. Die Ausbreitung in der Vertikalen schwankt von einigen Dezimetern bis zu mehreren hundert Metern.
Nebelarten
Begriffe
Bodennebel über der Ilz im Herbst 2007
Nebel werden in der Meteorologie im Regelfall nach ihren Entstehungsbedingungen unterschieden, was jedoch auch nach sich zieht, dass viele Nebel nicht basierend allein auf ihrem äußeren Erscheinungsbild einer bestimmten Nebelart zugerechnet werden können. Auch existieren eine Vielzahl oft sehr unscharf definierter oder zumindest sehr unklar verwendeter Nebelbegriffe, insbesondere dann, wenn sich diese auf den Ort oder Zeitpunkt des Auftretens und nicht die Entstehungsursache eines Nebels beziehen. So unterscheidet man nach der Ursache im wesentlichen Strahlungs-, Advektions-, Verdunstungs-, Mischungs- und orographische Nebel sowie als oft getrennt betrachtete Sonderform den Eisnebel. Daneben existieren jedoch auch eine Vielzahl anderer bekannter Begriffe wie Morgennebel, Bergnebel oder Seenebel, die sich in vielen Fällen nur schwer mit spezifischen Entstehungsbedingungen zur Deckung bringen lassen und oft zu Missverständnissen führen, welche Bezeichnung für welche generische Art von Nebel steht.
Auch eine Unterscheidung nach Boden- und Hochnebel ist möglich, wobei die Oberseite des Bodennebels nach meteorologischer Definition unter der Augenhöhe des Beobachters mit einer Sichtweite von dadurch mehr als einem Kilometer liegen muss. Es ist auch möglich, den Bodennebel als Nebel mit Bodenkontakt zu definieren, was jedoch redundant zur Definition eines Nebels ansich ist. Das verbreitete Verständnis eines Hochnebels als Nebel mit fehlendem Bodenkontakt ist daher auch irreführend, da es sich im Regelfall um eine niedrige Wolke vom Typ Stratus handelt, also nicht um Nebel im eigentlichen Sinne. Nur bei einigen Zwischenstadien von Nebeln, die an ihrer Basis aufgelöst wurden oder im Begriff sind, sich auf Bodenhöhe zu senken, spricht man auch in der Meteorologie von einem Hochnebel.
Strahlungsnebel
Bodennebel im Engelberger Aa (Schweiz)
Nebelmeer in Arizona
Strahlungsnebel entstehen in Folge der nächtlichen Ausstrahlung der Erdoberfläche und treten daher vor allem im Herbst und im Winter bei windschwachen Wetterlagen auf, wobei sie meistens mit einer Strahlungsinversion verbunden sind. Da sie auf einer Abkühlung der Luft bei gleich bleibender oder vernachlässiger Schwankung der absoluten Luftfeuchtigkeit basieren, rechnet man sie auch zu den Abkühlungsnebeln.
Besonders in unbewölkten Nächten können sich die bodennahen Luftschichten stark abkühlen. Dadurch kondensiert der Wasserdampf in der Luft und es bildet sich ein schwacher, oft mehrschichtiger und kaum über eine Höhe von 100 Meter reichender Nebel, mit vergleichsweise geringer Tröpfchengröße. Am Vormittag löst sich dieser Nebel meistens rasch auf, da die hohe spezifische Oberfläche seiner Tropfen aufgrund des dann erhöhten Sättigungsdampfdrucks eine rasche Verdunstung ermöglicht. Nur im Winter ist die Einstrahlung der Sonne bisweilen nicht stark genug, um den Nebel aufzulösen. Das neblig-trübe Wetter bleibt dann in den Niederungen oftmals tagelang erhalten.
Strahlungsnebel sind sehr instabile Gebilde und lösen sich in der Regel so schnell auf, wie sie gekommen sind. Sie treten meistens als Früh- bzw. Morgennebel auf, ihre Anfänge können jedoch durchaus schon im späten Nachmittag des Vortages liegen. Ob ein Strahlungsnebel entsteht oder nicht, ist dabei oft eine Frage von wenigen Zehntel Grad Celsius. Häufigkeit, Dichte und Mächtigkeit dieser Nebelart unterliegt daher großen Schwankungen. Die Vorhersagbarkeit des Phänomens ist dadurch vergleichsweise gering, wenn Strahlungsnebel auch so häufig sind, dass sich ein Tagesrhythmus ausbilden kann. Das Auftreten eines Strahlungsnebels ist dabei ein Signal für tiefe Temperaturen, insbesondere zeigen sich bei Kaltlufteinschlüssen in Geländeniederungen typischerweise abgeschnittene Nebelteppiche mit scharfen Konturen, die man dann auch als Talnebel bzw. bei sehr starker Ausprägung als Nebelmeer bezeichnet.
Eine besondere Form bilden auch die Moornebel, also Nebel die über Mooren autreten und deshalb eine eigene Bezeichnung besitzen, weil die Nebelhäufigkeit hier besonders hoch ist. Ursache ist dabei die sehr rasche Auskühlung der Bodenoberfläche bedingt durch dessen hohe Bodenfeuchte und die damit schlechten Wärmeleitungseigenschaften, nicht etwa eine durch das große Wasserangebot erhöhte Verdunstung. Ein Moornebel ist daher auch kein Verdunstungsnebel, denn die Luftfeuchtigkeit wird hier meistens vor der Nebelentstehung über Winde abgeführt. Die Nebelbildung selbst ist jedoch an Windstille geknüpft und erreicht selten Mächtigkeiten, die die Sichtweite eines Beobachters überschreiten. An diesem Beispiel zeigt sich, welche große Rolle der Bodenwärmehaushalt bei die Entstehung eines Strahlungsnebels spielt. Der gleiche Effekt ist in schwächerer Form auch bei Wiesen zu beobachten, weshalb man bei ihnen auch von Wiesennebel spricht.
Mit einer Albedo von bis zu 0,90 zeigt Nebel allgemein ein außerordentliche Fähigkeit zur Reflexion des einfallenden Sonnenlichts. Diese steht in der Regel in einem scharfen Kontrast zur Umgebung mit einer Albedo von typischerweise etwa 0,2 bis 0,3. Die Folge ist gerade bei Strahlungsnebeln eine Tendenz zur Selbsterhaltung, denn die niedrigen Temperaturen, die erst zu seiner Entstehung geführt haben, werden durch die nun rapide abfallende Globalstrahlung noch weiter gesenkt bzw. am Ansteigen gehindert. Auch ist die Ausstrahlung der Wassertröpfchen selbst besonders groß, was ein nächtliches Temperaturminimum an der Nebeloberseite zur Folge hat.
Bei einer stabilen Schichtung der Atmosphäre am Boden und einer Inversion in der Höhe, also einer Fumigation, sammeln sich an der Inversionsgrenze verstärkt Partikel unterschiedlichster Art an. Dieser in einiger Höhe befindliche Dunst kann mit seiner hohen Albedo nun nicht nur nebelerhaltend, sondern sogar nebelerzeugend wirken. Der Nebel, zunächst sogar streng genommen noch eine Wolke und bisweilen als Hochnebel bezeichnet, sinkt dabei allmählich aus der Höhe der Inversion zum Erdboden hin ab und hält hier oft tagelang an.
Advektionsnebel
Ein Advektionsnebel oder Berührungsnebel ist eine weitere Form des Abkühlungsnebels, die in Mitteleuropa üblicherweise im Winter auftritt und auf einer Advektion (Heranführung) von Luftmassen beruht. Die Unterscheidung zum Mischungsnebel kann dabei unter Umständen schwierig sein, hier sollen jedoch alle Nebelformen, die maßgebend durch Advektions- und teilweise auch durch Mischungsprozesse geprägt sind, zu den Advektionsnebeln gezählt werden.
Advektionsnebel kommen dadurch zustande, dass feuchte Warmluft vom Süden in die kälteren Gebiete im Nordens strömt und dabei eine bodennahe Kaltluftschicht aufwirbelt. Die Warmluft wird dabei abgekühlt, weshalb in der Folge zur Kondensation und damit Tröpfchenbildung kommt. Wenn dann eine Hochdrucklage entsteht, kann dieser Nebel Tage bis Wochen überdauern, ohne von der Sonne aufgelöst werden zu können. Erst bei einem weiteren Luftaustausch verschwindet er wieder, denn es handelt sich nicht nur um die langanhaltendste Nebelform, auch Mächtigkeiten von mehreren hundert Metern sind keine Seltenheit.
Typischer Meernebel im Upwelling-Bereich des Kalifornienstroms (Golden Gate Bridge)
Ein Sonderfall des Advektionsnebels ist der Küsten- oder Seenebel. Die Wasseroberflächen sind besonders im Frühling meistens deutlich kühler als die Landoberflächen. Kommt es dann zu einer Advektion der über dem Land befindlichen warmen Luftmassen, so kühlen sich diese über dem Wasser schnell ab. Die nach Erreichen des Taupunkts gebildeten Wassertropfen lagern dann als dünne Nebelschicht über der Wasserfläche, wobei man dann auch von einem Kaltwassernebel spricht. In Deutschland ist diese Nebelform vor allem im Spätfrühling an der Ostsee anzutreffen und wird durch Advektion warmer Luft aus dem südeuropäischen Raum bedingt. Besonders folgenreich ist diese Nebelform dann, wenn es am Tag durch eine Erwärmung im Landesinneren zu Seewind kommt. Der eigentlich über dem Wasser lagernde Nebel wird dann an die Küsten advehiert und kann mehrere Kilometer ins Landesinnere reichen. Ein solcher Küstennebeleinbruch ist mit einem erheblichen Wechsel von Sicht- und Temperaturbedingungen geprägt und zudem überaus plötzlich, kann also zu erheblichen Gefahren vor allem im Straßenverkehr führen. Zudem ist durch die vergleichsweise kleinen Tröpfchengrößen des Küstenebels eine erhebliche Helligkeitsreduktion zu erwarten. Die vor allem im Herbst anzutreffende Situation noch recht warmer Wassertemperaturen und vergleichsweiser kalter Luft führt zum Warmwassernebel, bei dem im Regelfall Mischungsprozesse dominieren, weshalb er auch hier eher den Mischungsnebeln zugeordnet wird.
Ebenso können unterschiedlich temperierte Meeresströmungen zu einem Advektionsnebel führen, sofern die Luft von der warmen zur kalten Wasseroberfläche strömt. Diese als Meernebel bezeichnete Erscheinung zeigt sich zum Beispiel in Neufundland, also bei Kontakt des Labradorstroms mit dem Golfstrom. Der sehr bekannte Neufundlandnebel ist dabei einer der dauerhaftesten und dichtesten Nebel überhaupt. In den Aleuten tritt diese Nebelform durch den Kontakt der Meeresströmungen Oyashio und Kuroshio ebenfalls häufiger auf.
Auch in Upwelling-Bereichen kommt es häufig zur Nebelbildung, zum Beispiel mit dem Kalifornienstrom, dem Humboldtstrom oder dem Benguela-Strom. Eine letzte Form bildet schließlich eine in Richtung von Inlandeismassen gerichteter Luftstrom, meistens vom Meer her. Hier kommt es ebenfalls zu einer Abkühlung der Luftmassen und es entsteht zum Beispiel der Grönlandnebel. In einer geringeren Ausprägung zeigt sich dieser Effekt auch bei weniger extremen Gegensätzen, zum Beispiel bei einer ungleichmäßig einsetzenden Schneeschmelze.
Orografischer Nebel
Ein Bergnebel oder in seiner meteorologisch exakten Bezeichnung orografischer Nebel bildet sich dann, wenn feuchte Luft unter adiabatischer Abkühlung an Hängen aufsteigt. Er wird daher auch zu den Abkühlungsnebeln gezählt, die Abkühlung erfolgt hier jedoch aufgrund der Erniedrigung des Luftdrucks und nicht über die Ausstrahlung oder Advektion. Zu dieser Nebelform kommt es nur dann, wenn das Kondensationsniveau unterhalb des Gipfels bzw. Grats liegt. Stabile orographische Nebel existieren überall dort, wo eine ebenso stabile Windströmung beständig Luftmassen an ein Gebirge führt, wobei man dann jedoch auch ebenso von einem Advektionsnebel sprechen kann. Dieses ist vor allem in Regionen mit Passateinfluss der Fall, also zum Beispiel in den südlichen Anden oder in Madagaskar. Sie treten auch in den Alpen und deutschen Mittelgebirgen auf, dann jedoch meistens nur bei einzelnen Wetterlagen über kurze Zeiträume.
Die Entstehung eines orografischen Nebels ist prinzipiell identisch mit einer durch Hebung entstanden Wolke und man könnte daher auch von einem Hebungsnebel sprechen. Hebungsprozesse treten dabei zwar nicht nur an orografischen Hindernissen auf, nur dort aber steigt die Erdoberfläche mit an und ermöglicht damit eine durchweg oberflächengebundene Kondensation. Nichts desto trotz ist diese Definition allgemeiner und in besonderen Fällen kann auch eine anderweitige Nebelentstehung vorkommen. Dieses ist zum Beispiel bei kleinskaligen Konvektionen der Fall, wie sie bei Mischungsnebeln eine Rolle spielen. Auch Hebungsprozesse beim Durchzug einer Warmfront können kurzfristige Nebelereignisse bedingen.
Verdunstungsnebel
Dampfnebel im Yellowstone-Nationalpark
Im Gegensatz zu den bisherigen Nebelformen, die allesamt mit einer Abkühlung verbunden waren, handelt es sich bei dem Verdunstungsnebel um eine Nebelart, die durch die Erhöhung der absoluten Luftfeuchtigkeit und damit des Taupunkts hervorgerufen wird. Dieses wird durch eine verstärkte Verdunstung erreicht, während die Temperatur des Luftpakets konstant bleibt bzw. sich nur unmaßgeblich ändert.
In der Natur tritt dieses vor allem bei herbstlich warmen Seen auf, wobei man dann von einem Dampfnebel spricht (auch Fluss- oder eingeschränkt Seenebel). Auch wenn feuchte Luft gemäßigter Temperaturen über eine Schneedecke oder einen gefrorenen Boden streicht und durch deren Erwärmung die Verdunstungsrate steigert, kann eine solche Nebelart entstehen. Diese spezielle Form bezeichnet man als Tauwetternebel.
Eine Sonderform bilden die Frontnebel, die sich vorwiegend als schmale Nebelstreifen vor einer Warmfront oder nach einer Kaltfront bilden, seltener auch direkt beim Frontdurchzug. Die ersten beiden Typen werden durch Regen hervorgerufen, der in kältere Luftmassen fällt und dabei teilweise verdunstet. Der Nebel beim Frontdurchzug selbst ist jedoch eher durch Mischungs- oder Abkühlungsprozesse gekennzeichnet, stellt also meistens keinen Verdunstungsnebel dar.
Mischungsnebel
Mischungsnebel über dem Mississippi River an einem frühen Dezembermorgen in der Näher von Le Claire, Iowa.
Mischungsprozesse spielen bei vielen Nebelarten eine Rolle und sind daher in der hier gewählten Einteilung nicht klar abgrenzbar. Das Grundprinzp ist dabei immer das gleiche: Luftmassen unterschiedlicher Temperatur durchmischen sich und gleichen ihre Temperaturen dadurch an, was unter bestimmten Umständen eine Unterschreitung des Taupunkts zur Folge haben kann. Zu einer solchen Unterschreitung kommt es jedoch im Regelfall durch eine Kombination des Mischungseffekts mit anderen Prozessen, nicht durch die Mischung allein. Da die Mischung selbst weder mit einer Ausstrahlung, adiabatischen Abkühlung oder zusätzlicher Verdunstung verbunden ist, muss sie dennoch als eigener Aspekt berücksichtigt werden. Wesentlich ist dabei, dass sich die Luft allgemein nur recht langsam durchmischt und einen schlechten Wärmeüberträger darstellt. Dieses ist auch der Grund, warum Mischungsprozesse in der Regel mit Advektion oder Konvektion von Luftmassen verbunden sind und hier fast immer eine Rolle spielen.
Ein Mischungsnebel im engeren Sinne tritt vor allem in herbstlich kühlen Nächten über noch im Vergleich zur Umgebung wärmeren Gewässern auf, die dann zu „dampfen“ scheinen. Seine typisch wirbelartigen Formen entstehen durch einen mehrstufigen Prozess.
Zunächst dringt kältere Luft von außerhalb auf das Gewässer vor und erwärmt sich über diesem. Dieses hat eine Senkung der relativen Luftfeuchtigkeit zur Folge, da warme Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann als kalte Luft. Dadurch kommt es jedoch auch über die Verdunstung wieder zu einem Anstieg oder zumindest einer Stabilisierung der relativen Luftfeuchte. Die inzwischen hohen Temperaturen der Luft nahe der Wasseroberfläche stehen im Kontrast zur weiter oben gelegenen und nicht von der Wasserfläche erwärmten Umgebungsluft, es herrscht also eine labilen Atmosphärenschichtung.
(Aufgrund der hierdurch einsetzenden Konvektion beginnt die Luft zu steigen. In der Folge kommt es zu einer Durchmischung der beiden Luftschichten, wobei sich deren Temperaturen angleichen und die ursprünglich oberflächennahe Luft abkühlt. Die relative Luftfeuchtigkeit steigt nun rasant an und es kommt dann auch recht schnell zur Kondensation. Da die entstehenden Wassertröpfchen in den Luftturbulenzen starken Bewegungen unterliegen, entsteht für den Beobachter der Effekt des See- oder Meerrauchens. Die erwärmte Luftschicht ist dabei meistens sehr dünn und der Effekte daher auch nur bis in einige Meter Höhe beobachtbar. Sehr großflächig zeigt sich dieses bei warmen Meeresströmungen, die bis in kältere Gebiete reichen, zum Beispiel beim Golfstrom an der Küste Skandinaviens.
Der gleiche Effekte zeigt sich auch in anderen Zusammenhängen, meistens bei einer starken Sonneneinstrahlung und der damit verbundenen hohen Verdunstungsrate im Anschluss an einen Regenschauer. Hier können Hausdächer, Straßen und auch die Erdoberfläche Dampfschwaden bilden. Ein verwandter Effekt ist der lake effect snow.
Eisnebel
Eisnebel in Winnipeg bei −40 °C.
Beim Eisnebel schweben im Gegensatz zu normalem Nebel keine Wassertröpfchen, sondern kleine Eiskristalle in der Luft. Ein Eisnebel entsteht, wenn der Wasserdampf in sehr kalter Luft von in der Regel unter −20 °C direkt zu Eiskristallen resublimiert, das heißt ohne den Umweg über die Kondensation zu flüssigem Wasser. Je kälter es dabei ist, desto häufiger tritt Eisnebel auf, bei Temperaturen unter −45 °C und dem Vorhandensein einer Wasserdampfquelle dann fast zwingend.
In der Natur tritt Eisnebel überall da auf, wo seine Entstehungsbedingungen zusammentreffen, also niedrige Temperaturen einerseits und ein Wasserangebot andererseits. Da die Wassermengen hierzu aufgrund der extrem geringen Sättigungsmenge nicht sonderlich groß sein müssen, kommen neben offenen Wasserflächen auch anthropogene Emissionen, vulkanische Aktivitäten oder sogar Tierherden in Frage. Im größeren Maßstab sind Eisnebel vor allem über dem Polarmeer zu beobachten, sie zeigen sich jedoch auch in den Fjorden Norwegens und in Alaska recht häufig.
Eisnebel stellen einen Sonderfall dar, denn sie sind wie dargelegt nicht an Kondensationsprozesse geknüpft. Sie werden daher entweder als besondere Form dem Nebel zugerechnet oder als eigene Form vom Nebel abgegrenzt. Je nachdem welche Definition genutzt wird, ist es daher möglich, das Vorhandensein von Kondensationsprozessen in die Definition des Nebelbegriffs mit einzuschließen oder nicht. Eisnebel kann dabei recht eindeutig von normalem Nebel unterschieden werden, da nur bei ihm Haloerscheinungen auftreten und auch die Reduktion der Sichtweite normalerweise nicht zu einer Verdeckung der Sonne führt.
Turbulenznebel
Normalerweise wirken kräftige Turbulenzen nebelauflösend. Sie können jedoch auch Nebel produzieren. Das ist dann der Fall, wenn die Turbulenzen die feuchte Luft aus tiefen Wolken bis auf den Erdboden transportieren. Wenn die Temperaturzunahme nach unten hin nicht zu groß ist, kann aus den Wolken Turbulenznebel werden.
Beobachtung
Die Beobachtung von Nebel kann sich auf eine Vielzahl von Parametern beziehen und auch durch eine Vielzahl von Methoden erfolgen, zielt aber im Wesentlichen auf die folgenden Größen ab: Nebelhäufigkeit, Zeitpunkt und Dauer des Auftretens, Nebeldichte sowie vertikale und horizontale Erstreckung des Nebels. Diese Größen können lokal für eine Messstation oder regional auf Basis mehrerer Einzelmessungen bestimmt werden.
Als Maß für die Nebeldichte und damit das wichtigste Kriterium eines Nebels, über das sich bei fortwährender Beobachtung auch Nebelhäufigkeit und Dauer ergeben, dient im Regelfall die Sichtbeeinträchtigung eines Beobachters mit Blickrichtung zum Azimut. Gerade bei regelmäßigen Messungen von Flug- und Seehäfen bedient man sich jedoch automatisierter bzw. elektronischer Messverfahren, zum Beispiel Transmissometer, ASOS (automated surface observing system) und Fernerkundungsdaten. Letztere können auch die Ausdehnung des Nebels erfassen und beinhalten Satelliten-, Radar- und Lidarmessungen. Insbesondere Satellitendaten gewinnen dabei mit zunehmender Verbesserung der Auflösung immer mehr an Bedeutung. Sie sind jedoch auch nicht unproblematisch, da im Infrarotbereich ein Minimum an Temperaturunterschieden notwendig ist und der Nebel im sichtbaren Bereich durch Wolken verdeckt werden kann. Auch benötigt die Auswertung von Satellitenmessungen eine gewisse Zeit, weshalb sie für kurzfristige Vorhersagen zur Wetterentwicklung nicht geeignet sind. Über Radar besteht hingegen die Möglichkeit, über die Variation von Brechzahlen die Temperaturinversionen der Atmosphäre zu messen, was in Bezug auf die Prognose der Nebelentstehung genutzt werden kann. Lidar ermöglicht es im Gegenzug auch kleinere Tröpfchen zu erfassen.
In der Synoptik nutzt man die folgenden durch die WMO definierten Symbole zur Codierung eines nebligen Wetterzustands innerhalb einer Wetterkarte. Der zugeordnete Zahlenschlüssel unterhalb des Symbols gilt sowohl für den Synop-Code als auch für den METAR.
| Symbol | SYNOP | Beschreibung |
| 40 | Nebel in einiger Entfernung, hat den Beobachter aber in der letzten Stunde nicht erreicht. Die Höhenlage des Nebels liegt über der des Beobachters. | |
| 47 | Himmel von Nebel oder Eisnebel verdeckt, wobei dieser in der letzten Stunde dichter wurde. | |
| 45 | Himmel von Nebel oder Eisnebel verdeckt, wobei sich in der letzten Stunde keine Änderungen zeigten. | |
| 43 | Himmel von Nebel oder Eisnebel verdeckt, wobei dieser in der letzten Stunde dünner wurde. | |
| 46 | Himmel trotz Nebel oder Eisnebel sichtbar, wobei dieser in der letzten Stunde dichter wurde. | |
| 44 | Himmel trotz Nebel oder Eisnebel sichtbar, wobei sich in der letzten Stunde keine Änderungen zeigten. | |
| 42 | Himmel trotz Nebel oder Eisnebel sichtbar, wobei dieser in der letzten Stunde dünner wurde. | |
| 28 | Nebel hat sich vor einer Stunde aufgelöst. | |
| 12 | Zusammenhängende Nebelschicht mit weniger als zwei Metern Höhenausdehnung an der Wetterstation. | |
| 11 | Nebel mit weniger als zwei Metern Höhenausdehnung in einzelnen Schwaden oder Bänken an der Wetterstation. | |
| 41 | Nebel oder Eisnebel in Schwaden, daher stark schwankende Sichtweiten. | |
| 48 | Nebel oder Eisnebel mit Raufrost- oder Klareisbildung bei sichtbarem Himmel. | |
| 49 | Nebel oder Eisnebel mit Raufrost- oder Klareisbildung bei bedecktem Himmel. |
Bedeutung und Anwendungen
Meteorologie
Nebel reduziert die Sichtweite.
- Der Vergleich zwischen der Sichtweiten an einem sonnigen Tag (links) und an einem nebligen Tag (rechts)
In der Meteorologie hat der Nebel recht unterschiedliche Bedeutungen. Je nach Entstehung kann er als Anzeichen einer bestimmten Wetterlage interpretiert werden und ist damit ein wichtiges Hilfsmittel der Wetterbeobachtung. Durch seine hohe Albedo hat er jedoch auch einen lokalen Einfluss auf die Strahlungsbilanz, was zum Beispiel im Zusammenhang mit Frost wichtig ist.
Einen eher ästhetische Bedeutung besitzt der Nebelbogen, eine Sonderform des Regenbogens bei kleinen Tröpfchengrößen.
Nebeldepositionen
Nebel ist zwar an sich kein Niederschlag, es gibt jedoch verschiedene Niederschlagsarten, die direkt an den Nebel gekoppelt sind. Dabei unterscheidet man die Nebeltraufe als flüssigen Niederschlag von den festen Niederschlägen in Form von Raufrost oder Klareis. Sie alle gehören dabei zur Gruppe der abgefangenen Niederschläge, die mengenmäßig nur unzureichend gemessen werden können und daher unter bestimmten Umständen ein erhebliches Problem bei der Erstellung einer detaillierten Wasserbilanz darstellen. Die in Verbindung mit Nebel hohe Luftfeuchtigkeit führt dabei auch zur verstärkten Bildung abgesetzter Niederschläge wie Tau oder Reif.
Es wurden in der jüngeren Zeit Techniken entwickelt, die es ermöglichen aus Nebel Wasser zu gewinnen. Dazu werden in entsprechenden Gebieten Netze oder Folien großflächig aufgespannt an denen der Nebel kondensiert und dann das Gewebe hinunter rinnt. Dabei ist der Wasser-Ertrag je aufgespannter Flächeneinheit erstaunlich hoch. In Südamerika gibt es Küstenstädte, die aufgrund der Erschließung dieser Resource durch Anlagen auf den bei ihnen liegenden Gebirgszügen zu einer wortwörtlichen Blüte gelangt sind. Die natürlichen Niederschläge sind in den Regionen eher karg. Mit zum Erfolg beigetragen hat nicht zuletzt der ständige Wind vom Meer her, der permanent neue Luftfeuchtigkeit nachliefert.
Nebelwälder und Nebelwüsten
Nebelwälder sind Wälder, in denen es auf Grund ihrer Lage häufig zu Nebel kommt. Das kann beispielsweise an den Hängen großer Gebirge in Höhen über 1500 m in Südamerika sein, wo es viele Epiphyten gibt, die so unabhängig von der Regenzeit ganzjährig an Wasser kommen. Dazu gehören viele Moose, Farne und höhere Pflanzen wie beispielsweise Orchideen. Ebenfalls finden sich hier einige endemische Tierarten, wie der Quetzal, Guatemalas Nationalvogel.
Weitere stark vom Nebel beeinflusste Gebiete bilden die Nebelwüsten, dabei insbesondere die Namib. Diese Wüste gehört mit einer durchschnittlichen Niederschlagsmenge von 20 mm im Jahr zu den trockensten Orten überhaupt. Allerdings gibt es an bis zu 200 Tagen im Jahr Morgennebel bis zu 100 km landeinwärts und so finden sich hier Pflanzen und Tiere, die den Nebel als Wasserquelle nutzen können. Am bekanntesten sind Schwarzkäfer, die auf hohen Dünenkämmen einen Kopfstand machen und so Kondenswasser aufsammeln. Auch die Welwitschie profitiert durch ihr über eine riesige Fläche ausgebreitete Wurzelwerk vom Tau. Die Atacama in Südamerika ist ebenfalls eine Nebelwüste und auch hier gibt es pflanzliche Spezialisten wie einige Blumennesselgewächse, an deren dichtem Haarkleid Nebel aus der Luft kondensiert und an der Pflanze herunter zu den Wurzeln rinnt.
Fortbewegung im Nebel
Zu Fuß
Zu beachten ist zunächst die allgemeine Orientierungslosigkeit, die ein sehr dichter Nebel zur Folge hat. Diese Gefahr besteht allgemein für jede Art der Fortbewegung im Nebel, ganz besonders aber für Wanderer und Bergsteiger im freien Gelände. Bei diesen besteht zwar aufgrund der geringen Geschwindigkeit bis auf einzelne Sonderfälle keine direkte Gefahr durch übersehene Hindernisse und Kollisionen, wie es etwa bei der Nutzung von Fortbewegungsmitteln der Fall ist, die im Verbund mit dem Nebel oft sehr niedrigen Temperaturen lassen jedoch vor allem im Winter einen ansich harmlosen Orientierungsverlust schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation werden. Gerade in dünnbesiedelten Regionen und insbesondere Gebirgen, Mooren und Marschen empfiehlt es sich daher, bei Nebel an Ort und Stelle zu verbleiben.
Straßenverkehr
In der Verkehrsmeteorologie spielt der Nebel durch die Einschränkung der Sichtweite und die damit verbundene Wirkung vor allem auf den Straßenverkehr eine Rolle. Besonders plötzlich auftretende Nebelbänke sind eine häufige Ursache von Autounfällen und insbesondere schwerer Massenkarambolagen, weshalb auch bei dichtem Nebel (Sicht unter 50 m) der Einsatz von Nebelschlussleuchten höchst ratsam ist. Darüber hinaus ist ihr Einsatz sogar verboten, weil sie blendend wirkt. Sichtweiten von 150 m und weniger bedeuten eine Beschränkung der Geschwindigkeiten auf Autobahnen. Ab 100 m muss auch auf Landstraßen langsamer gefahren werden. Bei unter 50 m Sicht ist der Verkehr generell stark beeinträchtigt. Die empfohlenen Höchstgeschwindigkeiten betragen nach Faustregel in den drei Fällen 100, 80 und 50 km/h. Sinkt die Sichtweite weiter, ist das Tempo anzupassen oder im Extremfall der Betrieb des Fahrzeugs ganz einzustellen.
Nebel beeinflusst weiterhin die Geschwindigkeitswahrnehmung des Fahrers, so dass dieser den Eindruck hat, er fahre langsamer, als es tatsächlich der Fall ist. Bei unzureichender Nutzung des Tachometers ist eine zu hohe Geschwindigkeit in Relation zur Sichtweite die Folge. Auch die nebelbedingte Feuchte der Fahrbahn kann zu gefährlichen Situationen führen, da die Bremsverzögerung herabgesetzt wird. Bei schwerwiegenden Unfällen traten meistens alle Faktoren zusammen auf, oft auch mit nebelunabhängigen Beeinträchtigungen wie Übermüdung, Zeitdruck oder Alkoholeinfluss, wodurch sich das Unfallrisiko entsprechend erhöht. Aus diesem Grunde ist vor allem eine starke Reduktion der Geschwindigkeit und damit des Anhaltewegs erforderlich, wobei dieser zur Sicherheit weniger als die Hälfte der Sichtweite betragen sollte.
Um die Gefahren zu verringern, wurden mittlerweile auch Sensoren entwickelt und in Serie gebracht, die per Radar in Fahrtrichtung auch durch Nebelwände hindurch Hindernisse erkennen können. Das Tempo der Fahrt sollte deshalb zwar nicht gesteigert werden, aber der Fahrer kann sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bereits darauf verlassen rechtzeitig gewarnt zu werden, so dass er per Bremsung schadenfrei zum Stillstand kommt oder zumindest einen wesentlich sanfteren Aufprall erleidet. In städtischen Umgebungen oder auch in Tunneln sind diese Sensoren jedoch nur bedingt funktionsfähig, da hier generell zu viele störende Funk-Reflexionen auftreten.
Schifffahrt
Bei Schiffen haben sich Radaranlagen bewährt, wobei Nebel in der Vergangenheit mehrmals zu schwerwiegenden Kollisionen führte. Dieses zog nach sich, dass vor allem der Schiffsverkehr oft völlig zum Erliegen kam. Gerade bei Schiffen und Flugzeugen ohne entsprechende Technologie besteht die nebelbedingte Kollisionsgefahr allerdings nach wie vor.
Eine bedeutende Katastrophe, bei der Nebel wohl eine der Hauptursache darstellte, war die Kollision der Schiffe Andrea Doria und Stockholm im Jahr 1956, bei der 52 Menschen starben. Neben diesen eher seltenen Ereignissen steht jedoch der wirtschaftliche Schaden im Vordergrund, da eine Einstellung oder zumindest Verlangsamung des Schiffsverkehrs erhebliche finanzielle Belastungen zur Folge hat. Um auch bei geringen Sichtweiten eine möglichst sichere Navigation zu ermöglichen, finden daher Nebelhörner und Nebeltonnen als Seezeichen Anwendung. Letztere umfassen Heultonnen und Gongtonnen sowie ehemals Glockentonnen.
Luftfahrt
Die Luftfahrt setzt schon seit dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts stark auf Radar und konnte damit schon sehr früh zumindest assistierend vom Boden aus den Piloten Hilfestellung geben. Mittlerweile ist die Zahl der Radar-Einheiten zur Beherrschung von Nebel, Wolken und anderen sichbehindernden Effekten in einem heutigen Langstreckenflugzeug an der Grenze zur Zweistelligkeit angekommen. Kleinflugzeuge fliegen jedoch auch weiterhin in der Mehrzahl rein nach Sichtflugbedingungen und müssen Nebel deswegen auch weiterhin stark berücksichtigen.
Im Luftverkehr erschwert Nebel damit heute zwar weniger den Flugverkehr selbst, hat jedoch erhebliche Folgen, wenn er auf Flugplätzen eine Sichtweite von etwa 1,2 Kilometern unterschreitet. Starts sind prinzipiell möglich, jedoch ist das Risiko größer. Zwar ist es auf allen Verkehrsflughäfen möglich per Instrumentenlandesystem ein Flugzeug auf den Boden zu bringen, jedoch behält man sich als letzte Sicherheit die visuelle Kontrolle von Befeuerung und Landebahn durch den Piloten vor. Tritt starker Nebel auf, so kann dieses bis zum zeitweiligen Ausfall des gesamten Flughafens führen. Flugzeuge müssen umgeleitet werden und allenfalls unausweichliche Landungen, zum Beispiel wegen Treibstoffmangels, werden dann noch gewagt. Der Franz-Josef-Strauß-Flughafen im Erdinger Moos, einem ehemaligem Moor und potentiellen Nebel-Gebiet in der Nähe von München, ist ein Beispiel für einen Flugplatz, der häufiger durch Nebel beeinträchtigt wird. Auch wenn die tatsächlichen Ausfallzeiten, schon alleine aufgrund der Größe der Anlage, noch erträglich klein sind, so zeigt sich hier, welche Bedeutung allein schon die bauliche Planung derartig nebelempfindlicher Anlagen besitzt. Dieses ist insbesondere vor dem Hintergrund bedeutsam, dass es auch heute (2005) keine wirtschaftlich tragbaren Methoden zur Nebelbeseitigung gibt.
Raumfahrt und Diverses
Raumfähre Challenger im Nebel
Auch in ähnlichen Situationen kann Nebel von Bedeutung sein, so zum Beispiel bei militärischen Operationen, Rettungsmissionen oder für Betrieb eines Weltraumbahnhofs. So mussten beispielsweise die Starts von Shuttlemissionen von Cap Canaveral des Öfteren aufgrund von Nebel verschoben werden. Auch die Landung in der Normandie 1944 oder der Einsatz von UN-Truppen in Tuzla 1995 wurde durch nebliges Wetter verzögert.
Umweltverschmutzung und Schadstoffausbreitung
Nebel besteht zwar aus Wassertröpfchen, doch handelt es sich dabei keineswegs um reines Wasser. Es können eine Vielzahl von Stoffen in ihm gelöst sein, für die der Nebel bzw. dessen Tröpfchen ein Verbreitungsmedium darstellt. So hatte Nebel in Kombination mit schwerer Luftverschmutzung einen wichtigen Anteil an Smog-Katastrophen wie 1930 in Belgien, 1948 in Pennsylvania und besonders 1952 in London. Er stellt jedoch auch unabhängig von derlei Extremereignissen ein Problem dar, zum Beispiel in Kombination mit Öl- und Waldbränden. Dabei werden durch diese Schadstoffe oft erst die Kondensationskerne zur Verfügung gestellt, an denen sich der Nebel bilden kann, was auch der wesentliche Grund ist, weshalb sich London in der Vergangenheit besonders nebelreich zeigte. Der Übergang zum trockenen Dunst ist dabei in vielen Fällen fließend.
Künstliche Nebelbeeinflussung
Der in Fragen der Verkehrssicherheit aber auch in Bezug auf Freiluftveranstaltungen unerwünschte Nebel wird in besonderen Fällen durch technische wie chemische Verfahren beseitigt, insofern der hierfür nötige Aufwand verhältnismäßig erscheint. Die Verfahren sind dabei zwar vielfältig, zeichnen sich jedoch meistens durch hohe Kosten und eine geringe Effektivität aus. Die Nebelbeseitigung ist daher allgemein ein sehr aufwändiges und kostspieliges Unterfangen, weshalb sie nur in Sonderfällen Anwendung findet und auch in diesen immer seltener wird.
Ein heute kaum noch angewandtes Verfahren ist die Pistenheizung, also die schlichte Erwärmung der Landenbahnen eines Flughafens, um durch die dann höheren Temperaturen der Luft in Bodennähe eine Auflösung des Nebels zu erreichen. Dieses ist nur bei einer geringen Mächtigkeit des Nebels und gleichzeitig niedrigen Windgeschwindigkeiten erfolgversprechend, wird aber aufgrund der hohen Energiekosten heute kaum noch angewandt. Eine andere Möglichkeit geht genau den entgegen gesetzten Weg, indem man versucht, die Tröpfchengrößen innerhalb des Nebels soweit zu erhöhen, dass dieser ausregnet. Dazu setzt man flüssiges bzw. festes Propan oder Kohlenstoffdioxid ein, die über ihre Verdunstungswärme eine Reduktion der Lufttemperaturen und dadurch verstärkte Kondensation bzw. Resublimation bedingen. Dieses ist wiederum nur bei Temperaturen unter etwa 0 °C mit vertretbarem Aufwand möglich. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Luftschichten zu durchmischen und dadurch die Inversion aufzulösen, was meistens über Hubschrauber umgesetzt wird. Deren Wirkungsbereich ist jedoch sehr gering und die Wirksamkeit einer solchen Methode daher auch meistens auf kurze Zeiträume begrenzt.
Grundsätzlich zeigt sich, dass Maßnahmen zur Nebelbeseitigung immer nur begrenzt erfolgreich sein können und auch nur da sinnvoll sind, wo durch Nebel außerordentlich starke Kosten bzw. Gefahren entstehen. Eine flächendeckende Nebelbeseitigung auf Straßen bzw. auch nur Autobahnen ist daher von vornherein unverhältnismäßig. Hier kann neben einer angepassten Fahrweise seitens der Verkehrsteilnehmer nur eine entsprechend sensible Verkehrswegeplanung sowie langfristige Wasserhaushaltsmaßnahmen Abhilfe schaffen, also eine Nebelvermeidung. Daher eignen sich auch von Kaltlufteinschlüssen geprägte Grundstücke wie Senken wenig für nebelsensible Anlagen, ebenso wie Standorte mit häufigen Advektionsnebeln.
Kunstnebel
Künstlich lässt sich Nebel entweder durch gezielte Übersättigung von Luft mit Wasser herstellen oder direkt durch feines Versprühen von Flüssigkeit. Der meiste künstlich erzeugte Nebel oder besser Dunst ist dabei ein Nebenprodukt mit geringer Überlebensdauer. Gerade im Winter führen die meistens warmen Abgase von Fabriken und Fahrzeugen zur Bildung kleinerer Nebelmengen, die jedoch im Regelfall sehr schnell wieder verdunsten. Will man Nebel dagegen absichtlich erzeugen, verwendet man meistens Nebelmaschinen.
Derartiger Kunstnebel wird in der Theater- und Veranstaltungstechnik auf verschiedene Arten erzeugt. Je nach der gewünschten Beschaffenheit des Nebels werden verschiedene Techniken und Maschinen verwendet:
- Feiner Dunst um die Lichtkegel von Scheinwerfern besser sichtbar zu machen, sogenannter Haze.
- Dichter Effektnebel, meistens punktuell und kurzzeitig eingesetzt.
- Bodennebel für einen dichten Nebelteppich in Bodennähe.
Eine wissenschaftliche Anwendung künstlichen Nebels ist die Nebelkammer. Diese nutzt aus, dass ionisierende Strahlung Kondensationskeime bildet, an denen sich besonders viele Wassertröpfchen bilden. Schnell durchfliegende Teilchen erzeugen dadurch entlang ihrer Flugbahn einen Streifen dichteren Nebels. Die Teilchen werden durch ein Magnetfeld unterschiedlich abgelenkt, so dass sie anhand ihrer Flugbahn identifiziert werden können.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden sogenannte Nebelsäuren dazu eingesetzt, künstliche Nebel zum Schutz von Fabriken oder militärischen Anlagen gegen Luftangriffe zu erzeugen. Auch dienten sie als Kampfstoffe mit Nebelwirkung.
Weinbau
Nebel ist auch in der Weinbereitung von Bedeutung. So ergießt sich beispielsweise der wärmere Fluss Ciron südöstlich von Bordeaux in die kühlere Garonne und erzeugt dabei in den Monaten Oktober und November einen Nebel, der das Wachstum des Pilzes Botrytis cinerea fördert. Dieser löchert die Beerenhäute der Trauben, wodurch aus diesen Wasser austritt und somit ihre Süße konzentriert. Dieses ist für die Weine aus Sauternes wichtig, deren prominentester Vertreter der Wein vom Château d’Yquem ist.
Weiterhin führt Nebel auch zur Abmilderung des Klimas durch die Erhöhung der Wärmekapazität der Luft, was Weintrauben vor dem Erfrieren schützen kann. Es findet sogar regelrecht ein Wärmetransport aus Flussniederungen an die exponierten Höhenlagen der Weinberge statt. Auch kann bei Anwesenheit von Nebel durch Kondensation und Reif-Bildung aus Nebel sehr viel Energie freigegeben werden, so dass die Temperaturen im Inneren der Trauben noch länger oberhalb oder an der Null-Grad-Grenze verweilen, bei der Wasser gefriert.
Literatur
- Malberg, H. (2002): Meteorologie und Klimatologie. Eine Einführung. (4., aktualisierte u. erweiterte Aufl.). Springer, Berlin. ISBN 3540429190
- Häckel H. (1999): Meteorologie. 4. Aufl. Ulmer Verlag, Stuttgart; UTB 1338; 448 S. ISBN 3825213382
- Holton J. R. et. al. (2002): Encyplopedia of Atmospheric Sciences. San Diego, London, Academic Press. ISBN 0122270908
- American Meteorological Society (1959): Glossary of Meteorology. – Boston. (Online Version)
Weblinks
Wiktionary: Nebel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
Commons: Nebel – Bilder, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Nebel – Zitate
Wikisource: Nebel – Quellentexte
- Fotos von Nebel.
- Bayreuther Institut für Terrestrische Ökosystemforschung: Nebeldeposition
- Frederik Obermaier: Nebel gegen Terror
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Bauernregel Montag 18. Februar 2008
Holder klingt der Vogelsang
Holder klingt der Vogelsang,
Wenn die Engelreine,
Die mein Jünglingsherz bezwang
Wandelt durch die Haine.
Röter blühen Tal und Au,
Grüner wird der Wasen,
Wo die Finger meiner Frau
Maienblumen lasen.
Ohne sie ist alles tot,
Welk sind Blüt’ und Kräuter;
Und kein Frühlingsabendrot
Dünkt mir schön und heiter.
Traute, minnigliche Frau,
Wollest nimmer fliehen;
Daß mein Herz, gleich dieser Au,
Mög’ in Wonne blühen!
Quellenangabe
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Wert
author
Projekt Gutenberg-DE
author
Ludwig Heinrich Christoph Hölty
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Holder klingt der Vogelsang
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Ein Mord im Criminalgefängniß von Nürnberg
1830
In der Nähe des Hallerthürleins, wo das träge dahinschleichende Wasser des trüben Pegintzflusses die alte Stadt Nürnberg verläßt, erhebt sich kühn über dem Strome ein finster blickendes, im modernen Stil gehaltenes Gebäude. Auf beiden Seiten sieht man kleine, halbrunde, vergitterte Fenster, in der Mitte etliche ebenfalls mit Eisenstäben versehene Bogenfenster. Zieht man die schrilltönende Schelle am Eingang, so öffnet sich mittels eines verdeckten Drathzuges das eiserne Thor; man steigt mehrere Stufen hinauf zu einer starken Eisengitterthür, welche die Haustreppe von dem Vorplatze absperrt. Auf diesem angelangt, erblickt man zur Rechten einen tiefen dunkeln Gang und in demselben wol zwanzig mit starken Riegeln verschlossene Thüren. Der Gang ist von dem Vorplatze durch ein Eisengitter getrennt. An den Vorplatz stoßen mehrere Räume: eine Stube, eine helle, geräumige Küche, eine Kammer, die zur Zeit unserer Geschichte als Schlafgemach und nebenbei als Werkstatt benutzt wurde. Abseits von diesen Räumlichkeiten liegt versteckt in einem Winkel noch eine Kammer, die Schreinerei genannt, sie diente zur Niederlage für Werkzeuge aller Art.
Das Gebäude, welches wir beschrieben haben, ist das Criminalgefängniß des vormaligen Kreis- und Stadtgerichts Nürnberg, die Fronfeste genannt, sie enthält außer den Gefängniszellen die Wohnung für den Eisengerichtsdiener und seine Familie, und eine kleine Stube auf jenem Gange, in welcher der Eisenknecht haust, umgeben von Schließzeug, als: Schellen, Springer, Kreuzketten und andere für besonders gefährliche oder widerspenstige Gefangene notwendige Geräthe.
Im Jahre 1830 war Karl Vogelsang Eisengerichtsdiener. Außer ihm, seiner Frau und seinen drei Kindern wohnte noch eine alte Base mit im Gefängniß, die Magddienste bei ihm verrichtete, und drei Eisenknechte, die abwechselnd Tag und Nacht wachten. Vogelsang hatte sich zwar in den neun Jahren seiner Dienstzeit nichts Erhebliches zu Schulden kommen lassen, aber er galt für einen lebenslustigen, vergnügungssüchtigen Mann, und es war bekannt, daß er oft bis in die späte Nacht mit seiner Familie an öffentlichen Orten verweilte uud die Sorge für die Gefangenen und das Gefängniß den Eisenknechten überließ.
Am 19. Febr. 1830 ging Vogelsang abends um 7 Uhr mit Weib und Kind in das Gasthaus zur Stadt Würzburg, um einer musikalischen Abendunterhaltung beizuwohnen. Der Eisenknecht Kämmerer hielt Wache, er hatte sich in seinem Stübchen ein behagliches Feuer angebrannt und schrieb für einen Gefangenen einen Brief. Die Base Neubauer war damit beschäftigt, die Wohnstube und die Küche zu reinigen.
Um 9 Uhr abends hörten die Gefangenen in der Gefängnißzelle Nr. 17 klopfen, dann vernahmen sie die Stimmen mehrerer Personen, bald darauf entstand ein Gepolter, wie wenn ein paar Stühle umfielen, und es erklangen die Schritte von zwei Männern, welche den Gang vorkamen und auf die Vogelsang’sche Wohnstube zueilten.
Von nun an trat tiefe, ununterbrochene Stille ein, die unfreiwilligen Bewohner des Gefängnisses überließen sich dem Schlafe.
Gegen 12 Uhr kehrte Vogelsang mit den Seinigen heim. Wohlgemuth stieg der Eisengerichtsdiener, der sich sehr gut amusirt hatte, die Treppe hinauf zu seiner Stube. Plötzlich bemerkte er, daß das Eisengitter vor dem Vorplatze offen stand. Erschrocken eilte er in die Wohnstube, hier sah er bei dem Scheine eines tief abgebrannten Lichtes die wildeste Unordnung: die Schränke und Kommoden waren erbrochen, auf den Dielen lagen Kleider und Geräthe herum, in einer Ecke lag ein eiserner Hammer, an welchem frisches Blut und Menschenhaare klebten, und ein blutiges Rasirmesser. Vogelsang rief den Eisenknecht und seine Base Neubauer, aber niemand antwortete und bald zeigte es sich, daß beide das Opfer eines schweren Verbrechens geworden waren. In der Wachtstube lag Kämmerer mit eingeschlagenem Schädel und durchgeschnittener Kehle vor seinem Bett in einer Blutlache, in der Küche fand man die Leiche der Neubauer. Der Kopf war zerschmettert, am Halse klaffte eine breite, tiefe Wunde.
Vogelsang erstattete sofort Anzeige, es ward unter Beihülfe von zwei Polizei- und zwei Liniensoldaten augenblicklich eine Visitation sämmtlicher Gefängnißzellen vorgenommen und es ergab sich, daß alle bis auf eine fest verschlossen, daß alle Gefangenen bis auf zwei anwesend waren. Die Zelle Nr. 17 stand offen und zwei ihrer Bewohner, der Flaschnergeselle Cörper und der Buchhändlerlehrling Lober, fehlten. Der dritte Insasse, ein Buchhändlerlehrling Meier, gab auf Befragen an: er wisse nicht, wo Cörper und Lober wären, sie hätten geklopft und Wasser gefordert, Kämmerer habe aufgeschlossen, sie hinausgelassen und keiner sei wiedergekommen, er wisse nicht, was aus ihnen geworden.
Es war klar, daß Cörper und Lober den schrecklichen Mord verübt, daß sie sich auf diese Weise die Thür des Gefängnisses geöffnet und zuvor Kisten und Kasten erbrochen und was von dem Eigenthum Vogelsang’s ihnen brauchbar schien, mitgenommen hatten.
Schon am 20. Febr. wurden beide in einem Wirthshause in der Nähe von Heilsbronn ergriffen, in Fesseln gelegt und zu Wagen, unter dem Geleit einer 60 Mann starken Cavalerie- und Infanterieabtheilung, welche sie vor der Wuth der aufgeregten Volksmenge schützte, in das landgerichtliche Gefängnis von Nürnberg, den sogenannten Wasserthurm, eingeliefert.
Friedrich Cörper, 31 Jahre alt, ledigen Standes, wurde im Jahre 1799 in Nürnberg geboren, wo sein Vater Dachdecker war. Er erhielt eine gute Erziehung und den gewöhnlichen Schulunterricht. Nach der Confirmation kam er in die Lehre zu einem Flaschnermeister seiner Vaterstadt, dann ging er auf die Wanderschaft, wurde Soldat, führte sich aber nirgends zur Zufriedenheit seiner Meister und Vorgesetzten. Eine ihm zufallende Erbschaft von 1500 Fl. verschwendete er in kurzer Zeit, zur Arbeit hatte er wenig Lust und vor fremdem Eigenthum zeigte er geringen Respect.
Schon als junger Mensch wurde er wegen Betrugs mit drei Monaten Gefängniß, im Jahre 1824 wegen Diebstahls mit drei Jahren Arbeitshaus bestraft. Nach verbüßter Strafe arbeitete er in Mühlhausen in Preußen, hier stahl er ein Pferd sammt dem Reitzeuge und ergriff dann die Flucht; auf dem Wege nach Nürnberg entwendete er wieder ein mit Kleidern gefülltes Felleisen und wurde bald nach seiner Ankunft in Nürnberg auf Requisition des preußischen Gerichts verhaftet und in das Criminalgefängniß gebracht. Anfänglich erhielt er die Erlaubniß, für seine Rechnung seine Profession zu betreiben; er fertigte Kessel, Leuchter, Laternen und andere nützliche Gegenstände, welche die Frau des Eisengerichtsdieners Vogelsang verkaufte. Dafür bekam er und sein Kamerad Lober, der ihm bei der Arbeit half, Braten und Bier, und beide durften so manchen Abend statt im Kerker in der Wohnstube Vogelsangs zubringen und sich hier gütlich thun.
Im December wurde jene Erlaubniß, wir wissen nicht aus welchen Gründen, vom Director zurückgenommen. Das war ein Donnerschlag für Frau Vogelsang, die das schöne Geld nicht missen, für Cörper und Lober, die den Braten und das bairische Bier nicht entbehren wollten. Man kam überein, die Arbeit solle im geheimen fortgesetzt werden. Die abseits gelegene Kammer ward zur Werkstatt hergerichtet, Cörper und Lober hantierten darin mit Löthkolben, Amboß und Polirhammer, Frau Vogelsang verwerthete eine Laterne nach der andern und die Gefangenen verzehrten einen Schweinebraten nach dem andern.
Johann Georg Paul Lober, dessen wir schon öfter gedacht, ist 1809 in Nürnberg geboren. Er ging daselbst in die Schule, wurde confirmirt und kam dann zu dem Buchhändler und Antiquar Lechner in die Lehre. Hier veruntreute er beträchtliche Summen, wurde deshalb eingezogen und bewohnte vom August 1829 an eine Zelle mit Cörper. Beide wurden Freunde, Lober zeigte sich als Cörper’s gelehriger Schüler und lebte mit ihm zusammen im Gefängniß ein recht vergnügtes Leben.
Zu Anfang des Jahres 1830 traf die Schreckenskunde ein: Lober’s Urtheil sei angekommen, und es laute auf zwei Jahre Arbeitshaus. Fast gleichzeitig wurde dem Cörper eröffnet, seine Untersuchung sei spruchreif, er werde wol vier Jahre Arbeitshaus erhalten. Nun waren die schönen Tage vorüber, nun sollten sie sich von den Fleischtöpfen trennen, sich beugen unter die harte Zucht der Strafanstalt, und sich begnügen mit magerer Kost. Dieser Gedanke war unerträglich, für Cörper die Aussicht um so schrecklicher, als er den Aufenthalt im Arbeitshaufe bereits kannte. Er beschloß zu fliehen und theilte Lober seine Pläne mit; dieser war einverstanden und beide warteten nur auf eine Gelegenheit, ihr Vorhaben auszuführen. Am 19. Febr. abends, wo Vogelsang und die Seinigen weggegangen, waren, schien ihnen der rechte Augenblick gekommen zu sein. Cörper bahnte sich den Weg zur Freiheit über zwei Leichen, und Lober leistete ihm Beistand.
Hören wir zunächst sein, dann Lober’s Bekenntnis;. Cörper sagt: »Vogelsang und seine Familie waren ins Concert gegangen, ersterer hatte uns vorher eingeschlossen, mir aber ein Rasirmesser, mit welchem ich mir den Bart abnehmen wollte, gelassen. Lober flüsterte mir zu: »Heute ist niemand zu Hause, da wollen wir sehen, daß wir hinauskommen.« Ich war es zufrieden. Wir klopften so lange, bis der Eisenknecht Kämmerer aufschloß. Wir verlangten Wasser und baten ihn, er möchte uns den Abend in der Wachtstube verbringen lassen. Kämmerer gewährte mir die Bitte, gab uns Licht und sagte, wir sollten einstweilen hineingehen, er wollte erst noch einen Brief schreiben, dann käme er nach. Ich holte mir aus der Werkstatt den Polirhammer, und wir beide warteten nun auf Kämmerer. Nach einer kleinen Weile kam er und erzählte uns von einem österreichischen Soldaten, der eingeliefert worden sei, er saß auf einem Stuhle an seinem Bette und stützte den Kopf in die Hand. Da nahm ich auf einmal, wie es gekommen ist, kann ich selbst nicht sagen, den Hammer und schlug den Kämmerer auf den Kopf, daß er zu Boden fiel; dann ergriff ich das Messer und schnitt ihm den Hals durch. Wir gingen nun vor in die Küche, wo die Magd auf dem Boden kniete und fegte; wir haben es ihr beide ebenso gemacht, nämlich ich habe sie mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen und sie auch mit dem Messer in den Hals geschnitten. Lober hat dabei das Licht gehalten. Hierauf haben wir die Schränke aufgemacht, Kleider von Vogelsang und seinem Sohne herausgenommen, uns angekleidet und sind zur Fronfeste hinaus. Die Kleider haben wir entwendet, weil wir auf diese Weise leichter zu entkommen dachten. Wir wollten über die Grenze nach Würtemberg und von da nach Baden fliehen.«
Etwas abweichend hiervon erzählt Lober den Vorgang so:
»Wir wußten, daß Vogelsang ausgegangen und daß nur der Eisenknecht Kämmerer und die Magd zu Hause waren. Cörper klopfte an und sagte zu Kämmerer, der uns aufschloß: «Wir wollen noch ein wenig zu Ihnen in die Wachtstube.« Kämmerer gab seine Zustimmung und befahl mir, einstweilen einzuheizen, er wolle noch eine Adresse schreiben. Während ich einheizte, ging Cörper in die Werkstatt, was er dort gemacht hat, weiß ich nicht. Er kehrte schnell zurück, Kämmerer kam auch und nun waren wir alle drei in der Wachtstube. Kämmerer setzte sich an den Ofen, ich stand am Ofen, Cörper stand am Fenster und hatte die Hände auf dem Rücken. Kämmerer theilte uns mit, daß ein Soldat in das Gefängniß gebracht worden, und dann, daß früher einmal ein Gefangener, Namens Schmidt, echappirt sei. Als er noch im Erzählen war, sprang Cörper auf ihn zu, schmetterte ihn durch einen furchtbaren Schlag mit dem Polirhammer zu Boden und versetzte ihm dann noch einige Schläge. Ich erschrak heftig und wollte mit dem Lichte hinaus. Cörper packte mich aber am Arme, holte ein Rasirmesser aus der Tasche und schnitt dem Eisenknecht die Kehle ab. Ich lief fort, Cörper holte mich jedoch ein und stürmte an mir vorüber in die Küche; hier erhielt die Magd zwei Hammerschläge von ihm, daß sie niederstürzte. Ich konnte es nicht mit ansehen und begab mich in das Wohnzimmer. Cörper kam mir nach und sagte mit dem Hammer drohend: »Wenn du jetzt nicht mitgehst, so ist dir ebenfalls der Hammer gewiß, denn ich spaße nicht gern.« Ich mußte natürlich Ja sagen, er erwiderte: »Dann ist’s gut.« Cörper erbrach mit einem Stemmeisen zwei Schränke, ein Pult und eine Kommode und nahm Geld, Kleider und was ihm sonst gefiel an sich, ich habe ihm das Licht gehalten und dann mit ihm die Flucht ergriffen.«
Die Widersprüche in den Aussagen der beiden Verbrecher sind nicht gelöst worden; eine Lösung ist aber auch kaum nöthig, denn es erhellt so viel, daß Cörper der Rädelsführer gewesen ist und den Mord verübt hat. Lober war nichts weiter als sein Gehülfe. Ohne Zweifel ist es eine Lüge, daß Lober nur aus Furcht vor den Todesdrohungen Cörper’s das Licht gehalten haben und völlig passiv gewesen sein will. Ungewiß ist es nur, ob er sich vorher mit Cörper zu dem Morde verabredet hat, ob der letztere nicht blos aus dem Entschlusse Cörper’s hervorgegangen ist.
Am 5. Juni 1830 verurtheilte das bairische Appellationsgericht des Rezatkreises den Flaschnergesellen Friedrich Cörper wegen des von ihm begangenen Doppelmordes zum Tode, den Buchhändlerlehrling Lober aber wegen seiner Hülfeleistung beim Morde zu Zuchthausstrafe auf unbestimmte Zeit.
Das Oberappellationsgericht in München bestätigte das Erkenntniß gegen Cörper, sprach aber Lober von der Theilnahme am Morde wegen mangelnden Beweises frei und erklärte ihn nur für schuldig der Unterschlagung von Geldern seines Lehrherrn und des ausgezeichneten Diebstahls bei Vogelsang. Er wurde deshalb mit achtjähriger Arbeitshausstrafe belegt und am 10. Oct. 1830 in das Arbeitshaus zn Schwabach abgeführt.
Am 18. Oct. 1830 eröffnete das Gericht dem Friedrich Cörper, daß ihm das Leben abgesprochen worden sei und daß der König sich nicht bewogen gefunden habe, in den Lauf des Rechts einzugreifen. Der Delinquent hörte das Todesurtheil mit großer Fassung an, unterschrieb das Protokoll mit sicherer Hand und erbat sich, was ihm nach bairischer Gesetzgebung freistand, noch eine Frist von drei Tagen. Am 21. Oct. bestieg er das Schaffot und nach wenigen Minuten stand seine Seele vor Gott.
Quellenangabe
Name
Wert
type
fiction
author
W. Alexis
title
Der Neue Pitaval
publisher
F.-A. Brockhaus
series
Neue Serie
volume
Zweiter Band
editor
Fortgesetzt von Dr. A. Bollert
year
1867
firstpub
1867
corrector
hille@abc.de
sender
www.gaga.net
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projectid
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Holder klingt der Vogelsang
Holder klingt der Vogelsang,
Wenn die Engelreine,
Die mein Jünglingsherz bezwang
Wandelt durch die Haine.
Röter blühen Tal und Au,
Grüner wird der Wasen,
Wo die Finger meiner Frau
Maienblumen lasen.
Ohne sie ist alles tot,
Welk sind Blüt’ und Kräuter;
Und kein Frühlingsabendrot
Dünkt mir schön und heiter.
Traute, minnigliche Frau,
Wollest nimmer fliehen;
Daß mein Herz, gleich dieser Au,
Mög’ in Wonne blühen!
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| author | Projekt Gutenberg-DE |
| author | Ludwig Heinrich Christoph Hölty |
| type | poem |
| title | Holder klingt der Vogelsang |
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Ein Mord im Criminalgefängniß von Nürnberg
1830
In der Nähe des Hallerthürleins, wo das träge dahinschleichende Wasser des trüben Pegintzflusses die alte Stadt Nürnberg verläßt, erhebt sich kühn über dem Strome ein finster blickendes, im modernen Stil gehaltenes Gebäude. Auf beiden Seiten sieht man kleine, halbrunde, vergitterte Fenster, in der Mitte etliche ebenfalls mit Eisenstäben versehene Bogenfenster. Zieht man die schrilltönende Schelle am Eingang, so öffnet sich mittels eines verdeckten Drathzuges das eiserne Thor; man steigt mehrere Stufen hinauf zu einer starken Eisengitterthür, welche die Haustreppe von dem Vorplatze absperrt. Auf diesem angelangt, erblickt man zur Rechten einen tiefen dunkeln Gang und in demselben wol zwanzig mit starken Riegeln verschlossene Thüren. Der Gang ist von dem Vorplatze durch ein Eisengitter getrennt. An den Vorplatz stoßen mehrere Räume: eine Stube, eine helle, geräumige Küche, eine Kammer, die zur Zeit unserer Geschichte als Schlafgemach und nebenbei als Werkstatt benutzt wurde. Abseits von diesen Räumlichkeiten liegt versteckt in einem Winkel noch eine Kammer, die Schreinerei genannt, sie diente zur Niederlage für Werkzeuge aller Art.
Das Gebäude, welches wir beschrieben haben, ist das Criminalgefängniß des vormaligen Kreis- und Stadtgerichts Nürnberg, die Fronfeste genannt, sie enthält außer den Gefängniszellen die Wohnung für den Eisengerichtsdiener und seine Familie, und eine kleine Stube auf jenem Gange, in welcher der Eisenknecht haust, umgeben von Schließzeug, als: Schellen, Springer, Kreuzketten und andere für besonders gefährliche oder widerspenstige Gefangene notwendige Geräthe.
Im Jahre 1830 war Karl Vogelsang Eisengerichtsdiener. Außer ihm, seiner Frau und seinen drei Kindern wohnte noch eine alte Base mit im Gefängniß, die Magddienste bei ihm verrichtete, und drei Eisenknechte, die abwechselnd Tag und Nacht wachten. Vogelsang hatte sich zwar in den neun Jahren seiner Dienstzeit nichts Erhebliches zu Schulden kommen lassen, aber er galt für einen lebenslustigen, vergnügungssüchtigen Mann, und es war bekannt, daß er oft bis in die späte Nacht mit seiner Familie an öffentlichen Orten verweilte uud die Sorge für die Gefangenen und das Gefängniß den Eisenknechten überließ.
Am 19. Febr. 1830 ging Vogelsang abends um 7 Uhr mit Weib und Kind in das Gasthaus zur Stadt Würzburg, um einer musikalischen Abendunterhaltung beizuwohnen. Der Eisenknecht Kämmerer hielt Wache, er hatte sich in seinem Stübchen ein behagliches Feuer angebrannt und schrieb für einen Gefangenen einen Brief. Die Base Neubauer war damit beschäftigt, die Wohnstube und die Küche zu reinigen.
Um 9 Uhr abends hörten die Gefangenen in der Gefängnißzelle Nr. 17 klopfen, dann vernahmen sie die Stimmen mehrerer Personen, bald darauf entstand ein Gepolter, wie wenn ein paar Stühle umfielen, und es erklangen die Schritte von zwei Männern, welche den Gang vorkamen und auf die Vogelsang’sche Wohnstube zueilten.
Von nun an trat tiefe, ununterbrochene Stille ein, die unfreiwilligen Bewohner des Gefängnisses überließen sich dem Schlafe.
Gegen 12 Uhr kehrte Vogelsang mit den Seinigen heim. Wohlgemuth stieg der Eisengerichtsdiener, der sich sehr gut amusirt hatte, die Treppe hinauf zu seiner Stube. Plötzlich bemerkte er, daß das Eisengitter vor dem Vorplatze offen stand. Erschrocken eilte er in die Wohnstube, hier sah er bei dem Scheine eines tief abgebrannten Lichtes die wildeste Unordnung: die Schränke und Kommoden waren erbrochen, auf den Dielen lagen Kleider und Geräthe herum, in einer Ecke lag ein eiserner Hammer, an welchem frisches Blut und Menschenhaare klebten, und ein blutiges Rasirmesser. Vogelsang rief den Eisenknecht und seine Base Neubauer, aber niemand antwortete und bald zeigte es sich, daß beide das Opfer eines schweren Verbrechens geworden waren. In der Wachtstube lag Kämmerer mit eingeschlagenem Schädel und durchgeschnittener Kehle vor seinem Bett in einer Blutlache, in der Küche fand man die Leiche der Neubauer. Der Kopf war zerschmettert, am Halse klaffte eine breite, tiefe Wunde.
Vogelsang erstattete sofort Anzeige, es ward unter Beihülfe von zwei Polizei- und zwei Liniensoldaten augenblicklich eine Visitation sämmtlicher Gefängnißzellen vorgenommen und es ergab sich, daß alle bis auf eine fest verschlossen, daß alle Gefangenen bis auf zwei anwesend waren. Die Zelle Nr. 17 stand offen und zwei ihrer Bewohner, der Flaschnergeselle Cörper und der Buchhändlerlehrling Lober, fehlten. Der dritte Insasse, ein Buchhändlerlehrling Meier, gab auf Befragen an: er wisse nicht, wo Cörper und Lober wären, sie hätten geklopft und Wasser gefordert, Kämmerer habe aufgeschlossen, sie hinausgelassen und keiner sei wiedergekommen, er wisse nicht, was aus ihnen geworden.
Es war klar, daß Cörper und Lober den schrecklichen Mord verübt, daß sie sich auf diese Weise die Thür des Gefängnisses geöffnet und zuvor Kisten und Kasten erbrochen und was von dem Eigenthum Vogelsang’s ihnen brauchbar schien, mitgenommen hatten.
Schon am 20. Febr. wurden beide in einem Wirthshause in der Nähe von Heilsbronn ergriffen, in Fesseln gelegt und zu Wagen, unter dem Geleit einer 60 Mann starken Cavalerie- und Infanterieabtheilung, welche sie vor der Wuth der aufgeregten Volksmenge schützte, in das landgerichtliche Gefängnis von Nürnberg, den sogenannten Wasserthurm, eingeliefert.
Friedrich Cörper, 31 Jahre alt, ledigen Standes, wurde im Jahre 1799 in Nürnberg geboren, wo sein Vater Dachdecker war. Er erhielt eine gute Erziehung und den gewöhnlichen Schulunterricht. Nach der Confirmation kam er in die Lehre zu einem Flaschnermeister seiner Vaterstadt, dann ging er auf die Wanderschaft, wurde Soldat, führte sich aber nirgends zur Zufriedenheit seiner Meister und Vorgesetzten. Eine ihm zufallende Erbschaft von 1500 Fl. verschwendete er in kurzer Zeit, zur Arbeit hatte er wenig Lust und vor fremdem Eigenthum zeigte er geringen Respect.
Schon als junger Mensch wurde er wegen Betrugs mit drei Monaten Gefängniß, im Jahre 1824 wegen Diebstahls mit drei Jahren Arbeitshaus bestraft. Nach verbüßter Strafe arbeitete er in Mühlhausen in Preußen, hier stahl er ein Pferd sammt dem Reitzeuge und ergriff dann die Flucht; auf dem Wege nach Nürnberg entwendete er wieder ein mit Kleidern gefülltes Felleisen und wurde bald nach seiner Ankunft in Nürnberg auf Requisition des preußischen Gerichts verhaftet und in das Criminalgefängniß gebracht. Anfänglich erhielt er die Erlaubniß, für seine Rechnung seine Profession zu betreiben; er fertigte Kessel, Leuchter, Laternen und andere nützliche Gegenstände, welche die Frau des Eisengerichtsdieners Vogelsang verkaufte. Dafür bekam er und sein Kamerad Lober, der ihm bei der Arbeit half, Braten und Bier, und beide durften so manchen Abend statt im Kerker in der Wohnstube Vogelsangs zubringen und sich hier gütlich thun.
Im December wurde jene Erlaubniß, wir wissen nicht aus welchen Gründen, vom Director zurückgenommen. Das war ein Donnerschlag für Frau Vogelsang, die das schöne Geld nicht missen, für Cörper und Lober, die den Braten und das bairische Bier nicht entbehren wollten. Man kam überein, die Arbeit solle im geheimen fortgesetzt werden. Die abseits gelegene Kammer ward zur Werkstatt hergerichtet, Cörper und Lober hantierten darin mit Löthkolben, Amboß und Polirhammer, Frau Vogelsang verwerthete eine Laterne nach der andern und die Gefangenen verzehrten einen Schweinebraten nach dem andern.
Johann Georg Paul Lober, dessen wir schon öfter gedacht, ist 1809 in Nürnberg geboren. Er ging daselbst in die Schule, wurde confirmirt und kam dann zu dem Buchhändler und Antiquar Lechner in die Lehre. Hier veruntreute er beträchtliche Summen, wurde deshalb eingezogen und bewohnte vom August 1829 an eine Zelle mit Cörper. Beide wurden Freunde, Lober zeigte sich als Cörper’s gelehriger Schüler und lebte mit ihm zusammen im Gefängniß ein recht vergnügtes Leben.
Zu Anfang des Jahres 1830 traf die Schreckenskunde ein: Lober’s Urtheil sei angekommen, und es laute auf zwei Jahre Arbeitshaus. Fast gleichzeitig wurde dem Cörper eröffnet, seine Untersuchung sei spruchreif, er werde wol vier Jahre Arbeitshaus erhalten. Nun waren die schönen Tage vorüber, nun sollten sie sich von den Fleischtöpfen trennen, sich beugen unter die harte Zucht der Strafanstalt, und sich begnügen mit magerer Kost. Dieser Gedanke war unerträglich, für Cörper die Aussicht um so schrecklicher, als er den Aufenthalt im Arbeitshaufe bereits kannte. Er beschloß zu fliehen und theilte Lober seine Pläne mit; dieser war einverstanden und beide warteten nur auf eine Gelegenheit, ihr Vorhaben auszuführen. Am 19. Febr. abends, wo Vogelsang und die Seinigen weggegangen, waren, schien ihnen der rechte Augenblick gekommen zu sein. Cörper bahnte sich den Weg zur Freiheit über zwei Leichen, und Lober leistete ihm Beistand.
Hören wir zunächst sein, dann Lober’s Bekenntnis;. Cörper sagt: »Vogelsang und seine Familie waren ins Concert gegangen, ersterer hatte uns vorher eingeschlossen, mir aber ein Rasirmesser, mit welchem ich mir den Bart abnehmen wollte, gelassen. Lober flüsterte mir zu: »Heute ist niemand zu Hause, da wollen wir sehen, daß wir hinauskommen.« Ich war es zufrieden. Wir klopften so lange, bis der Eisenknecht Kämmerer aufschloß. Wir verlangten Wasser und baten ihn, er möchte uns den Abend in der Wachtstube verbringen lassen. Kämmerer gewährte mir die Bitte, gab uns Licht und sagte, wir sollten einstweilen hineingehen, er wollte erst noch einen Brief schreiben, dann käme er nach. Ich holte mir aus der Werkstatt den Polirhammer, und wir beide warteten nun auf Kämmerer. Nach einer kleinen Weile kam er und erzählte uns von einem österreichischen Soldaten, der eingeliefert worden sei, er saß auf einem Stuhle an seinem Bette und stützte den Kopf in die Hand. Da nahm ich auf einmal, wie es gekommen ist, kann ich selbst nicht sagen, den Hammer und schlug den Kämmerer auf den Kopf, daß er zu Boden fiel; dann ergriff ich das Messer und schnitt ihm den Hals durch. Wir gingen nun vor in die Küche, wo die Magd auf dem Boden kniete und fegte; wir haben es ihr beide ebenso gemacht, nämlich ich habe sie mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen und sie auch mit dem Messer in den Hals geschnitten. Lober hat dabei das Licht gehalten. Hierauf haben wir die Schränke aufgemacht, Kleider von Vogelsang und seinem Sohne herausgenommen, uns angekleidet und sind zur Fronfeste hinaus. Die Kleider haben wir entwendet, weil wir auf diese Weise leichter zu entkommen dachten. Wir wollten über die Grenze nach Würtemberg und von da nach Baden fliehen.«
Etwas abweichend hiervon erzählt Lober den Vorgang so:
»Wir wußten, daß Vogelsang ausgegangen und daß nur der Eisenknecht Kämmerer und die Magd zu Hause waren. Cörper klopfte an und sagte zu Kämmerer, der uns aufschloß: «Wir wollen noch ein wenig zu Ihnen in die Wachtstube.« Kämmerer gab seine Zustimmung und befahl mir, einstweilen einzuheizen, er wolle noch eine Adresse schreiben. Während ich einheizte, ging Cörper in die Werkstatt, was er dort gemacht hat, weiß ich nicht. Er kehrte schnell zurück, Kämmerer kam auch und nun waren wir alle drei in der Wachtstube. Kämmerer setzte sich an den Ofen, ich stand am Ofen, Cörper stand am Fenster und hatte die Hände auf dem Rücken. Kämmerer theilte uns mit, daß ein Soldat in das Gefängniß gebracht worden, und dann, daß früher einmal ein Gefangener, Namens Schmidt, echappirt sei. Als er noch im Erzählen war, sprang Cörper auf ihn zu, schmetterte ihn durch einen furchtbaren Schlag mit dem Polirhammer zu Boden und versetzte ihm dann noch einige Schläge. Ich erschrak heftig und wollte mit dem Lichte hinaus. Cörper packte mich aber am Arme, holte ein Rasirmesser aus der Tasche und schnitt dem Eisenknecht die Kehle ab. Ich lief fort, Cörper holte mich jedoch ein und stürmte an mir vorüber in die Küche; hier erhielt die Magd zwei Hammerschläge von ihm, daß sie niederstürzte. Ich konnte es nicht mit ansehen und begab mich in das Wohnzimmer. Cörper kam mir nach und sagte mit dem Hammer drohend: »Wenn du jetzt nicht mitgehst, so ist dir ebenfalls der Hammer gewiß, denn ich spaße nicht gern.« Ich mußte natürlich Ja sagen, er erwiderte: »Dann ist’s gut.« Cörper erbrach mit einem Stemmeisen zwei Schränke, ein Pult und eine Kommode und nahm Geld, Kleider und was ihm sonst gefiel an sich, ich habe ihm das Licht gehalten und dann mit ihm die Flucht ergriffen.«
Die Widersprüche in den Aussagen der beiden Verbrecher sind nicht gelöst worden; eine Lösung ist aber auch kaum nöthig, denn es erhellt so viel, daß Cörper der Rädelsführer gewesen ist und den Mord verübt hat. Lober war nichts weiter als sein Gehülfe. Ohne Zweifel ist es eine Lüge, daß Lober nur aus Furcht vor den Todesdrohungen Cörper’s das Licht gehalten haben und völlig passiv gewesen sein will. Ungewiß ist es nur, ob er sich vorher mit Cörper zu dem Morde verabredet hat, ob der letztere nicht blos aus dem Entschlusse Cörper’s hervorgegangen ist.
Am 5. Juni 1830 verurtheilte das bairische Appellationsgericht des Rezatkreises den Flaschnergesellen Friedrich Cörper wegen des von ihm begangenen Doppelmordes zum Tode, den Buchhändlerlehrling Lober aber wegen seiner Hülfeleistung beim Morde zu Zuchthausstrafe auf unbestimmte Zeit.
Das Oberappellationsgericht in München bestätigte das Erkenntniß gegen Cörper, sprach aber Lober von der Theilnahme am Morde wegen mangelnden Beweises frei und erklärte ihn nur für schuldig der Unterschlagung von Geldern seines Lehrherrn und des ausgezeichneten Diebstahls bei Vogelsang. Er wurde deshalb mit achtjähriger Arbeitshausstrafe belegt und am 10. Oct. 1830 in das Arbeitshaus zn Schwabach abgeführt.
Am 18. Oct. 1830 eröffnete das Gericht dem Friedrich Cörper, daß ihm das Leben abgesprochen worden sei und daß der König sich nicht bewogen gefunden habe, in den Lauf des Rechts einzugreifen. Der Delinquent hörte das Todesurtheil mit großer Fassung an, unterschrieb das Protokoll mit sicherer Hand und erbat sich, was ihm nach bairischer Gesetzgebung freistand, noch eine Frist von drei Tagen. Am 21. Oct. bestieg er das Schaffot und nach wenigen Minuten stand seine Seele vor Gott.
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | fiction |
| author | W. Alexis |
| title | Der Neue Pitaval |
| publisher | F.-A. Brockhaus |
| series | Neue Serie |
| volume | Zweiter Band |
| editor | Fortgesetzt von Dr. A. Bollert |
| year | 1867 |
| firstpub | 1867 |
| corrector | hille@abc.de |
| sender | www.gaga.net |
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Ordensburg Vogelsang
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Übersicht der Burganlage von Wollseifen aus
Die Ordensburg Vogelsang ist ein ehemals nationalsozialistischer Gebäudekomplex auf dem früheren Truppenübungsplatz Vogelsang im Nationalpark Eifel in Nordrhein-Westfalen. Die gewaltige Anlage diente den Nationalsozialisten zwischen 1936 und 1939 als Schulungsburg für die Ausbildung ihres Führungsnachwuchses. Heute ist das Areal öffentlich zugänglich und zählt zu den wenigen erhaltenen vollständigen Ensembles nationalsozialistischer Architektur. Es gilt nach den Parteitagsbauten in Nürnberg mit fast 100 ha bebauter Fläche als die größte bauliche Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus in Deutschland. Der unter Denkmalschutz stehende Teil der Bauwerke umfasst eine Bruttogeschossfläche von mehr als 50.000 Quadratmetern.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte
Planung und Bau ab 1933
1933 forderte Adolf Hitler im Rahmen einer Rede in Bernau bei Berlin den Bau von neuen Schulen für den „Führernachwuchs“ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Mit dem Bau wurde der so genannte „Reichsorganisationsleiter“ Robert Ley betraut. Ley gab den Bau dreier „Schulungslager“ (NSDAP-Ordensburgen) in Auftrag:
- in Crössinsee (Pommern),
- in Sonthofen (Allgäu) und
- Vogelsang in der Eifel.
Finanziert wurde der Bau, der größtenteils auf der Gemarkung der Gemeinde Schleiden vollzogen wurde, aus Geldern der enteigneten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.
Den Planungsauftrag für Crössinsee und Vogelsang bekam der Kölner Architekt Clemens Klotz. „Burgkommandant“ war zwischen dem 22. September 1934 und dem 1. Juli 1937 Franz Binz, der sich zuvor als Kreisleiter der NSDAP für Schleiden für den Bau eingesetzt hatte.
Die Bezeichnung NS-Ordensburg für die drei Bauwerke wurde erst ab 1935 üblich. Die Burg Vogelsang wurde im ersten Bauabschnitt von bis zu 1.500 Arbeitern innerhalb von nur zwei Jahren errichtet.
Zusätzlich zu den auf Vogelsang errichteten Bauwerken waren noch weitaus größere Bauten geplant. Unter anderem sollte ein gigantisches „Haus des Wissens“ als Bibliothek entstehen, das die vorhandenen Gebäude schon alleine mit seiner Grundfläche von 100 m x 300 m buchstäblich in den Schatten gestellt hätte. Darüber hinaus war ein „Kraft durch Freude-Hotel“ mit 2.000 Betten geplant. Auf Vogelsang sollten zudem die größten Sportstätten Europas entstehen. Die teilweise bereits begonnenen Bauarbeiten wurden bei Kriegsbeginn eingestellt.
Geplant und teilweise ausgeführt wurden folgende Bauwerke:
- Der Eingangsbereich mit Tor und zwei Türmen (größtenteils fertiggestellt),
- Das Haus des Wissens (nur Sockelmauern fertiggestellt),
- Das Gemeinschaftshaus mit Adlerhof, Turm, Ost- und Westflügel (fertiggestellt, teilweise kriegszerstört),
- Die Burgschänke (fertiggestellt),
- Zehn Kameradschaftshäuser für jeweils 50 Zöglinge (fertiggestellt, teilweise kriegszerstört),
- Vier Hundertschaftshäuser für jeweils 100 Zöglinge (fertiggestellt),
- Der Thingplatz als Veranstaltungsbühne (fertiggestellt),
- Sportanlagen mit Tribüne, Turn- und Schwimmhalle (fertiggestellt),
- Das Feuermal Fackelträger (fertiggestellt),
- Das Haus der weiblichen Angestellten (fertiggestellt).
- Dorf Vogelsang auf der anderen Talseite, als Unterkunft für die Bediensteten und deren Familien (Teilweise Rohbauten)
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Künstlerische Gestaltung
Die meisten Plastiken in Vogelsang – Fackelträger, Der deutsche Mensch und das Sportlerrelief – stammen von Willy Meller. Während die Holzplastik Der deutsche Mensch 1945 verschwunden ist, sind die beiden anderen Plastiken – teilweise beschädigt – bis heute erhalten.
Nach einem Besuch Adolf Hitlers im Jahre 1937 wurde das Eingangstor mit Dorischen Säulen ohne irgendeine statische Funktion ergänzt. Berichten zufolge ging die Initiative dazu von Hitler selbst aus.
Schulungsburg der NSDAP ab 1936
Am 24. April 1936 wurden die drei Ordensburgen in einem Festakt an Adolf Hitler übergeben. Wenig später rückten die ersten 500 sogenannten Junker auf Vogelsang ein. Die Lehrgangsteilnehmer kamen aus ganz Deutschland. Sie waren auf Vorschlag der Gauleitungen von Robert Ley handverlesen ausgewählt worden. Die meisten waren Mitte zwanzig. Voraussetzung waren erste „Bewährung“ in der Parteiarbeit, völlige körperliche Gesundheit, Arbeits- und Militärdienst sowie ein Abstammungsnachweis. Weiterhin mussten die Bewerber auf Anordnung von Robert Ley verheiratet sein, dagegen interessierten ihre schulischen Leistungen überhaupt nicht. Den Bewerbern war bei ihrem Eintritt versprochen worden, dass sie nach Abschluss der Ausbildung jedes Regierungs- und Verwaltungsamt in Deutschland bekleiden könnten.
Der Stundenplan sah vor: 6:00 Uhr Frühsport, 7:00 Uhr Fahnenappell, 8:00 bis 10:00 Uhr Arbeitsgemeinschaften, 10:00 bis 12:00 Uhr Vortrag im großen Hörsaal durch Gast- oder Hauptlehrer, nachmittags Sport, 17:00 bis 18:30 Uhr Arbeitsgemeinschaften, 22 Uhr Zapfenstreich. In den Hauptvorlesungen zu den Themen „NS-Rassenkunde“ und „Geo-Politik“ wurden die „Junker“ mit aggressiven außenpolitischen und rassistischen Thesen indoktriniert. Daneben gab es intensive sportliche Schulung, der Schwerpunkt dieser Ausbildung lag bei der Ordensburg Vogelsang auf dem Reitsport.
Die Lehrgänge auf den „NS-Ordensburgen“ sahen auch eine Pilotenausbildung vor. Zu diesem Zweck wurden Flugplätze an allen drei Burgen gebaut. Der Vogelsanger Flugplatz entstand in der Nähe des Walberhofes, nahe der Ortschaft Schleiden-Morsbach. Neben der Pilotenausbildung sah der Lehrplan der Junker auch eine Reitausbildung vor.
Nach der Eröffnung des Schulbetriebs nutzte die politische Prominenz des Dritten Reichs Vogelsang auch als Repräsentationsort. Adolf Hitler sowie weitere führende Mitglieder des NS-Staates besuchten mehrfach die Ordensburg. Auf Wunsch der NS-Parteileitung in Berlin wurde die Ordenburg Vogelsang von insgesamt 16 Bunkern des Westwalles gesichert, deren Reste noch heute erkennbar sind und am 1. Dezember 2006 unter Denkmalschutz gestellt wurden.
Nutzung durch die Wehrmacht ab 1939
Beim Kriegsausbruch im September 1939 wurden die Junker entlassen, die Burg Vogelsang wurde der Wehrmacht übergeben. Diese nutzte die Bauwerke zweimal als Truppenquartier: Einmal beim Westfeldzug 1940, danach im Rahmen der Ardennenoffensive im Dezember 1944.
Zwischenzeitlich waren auf Vogelsang mehrere Klassen so genannter Adolf-Hitler-Schulen untergebracht.
1944 bestand dort ein Wehrertüchtigungslager, in dem 15 bis 16 Jahre alte Kinder aus der Hitler-Jugend militärisch ausgebildet wurden. Durch alliierte Luftangriffe wurden einige Gebäude zerstört, darunter der Ostflügel und die Turnhalle.
Zwecknutzung für Truppenübungsplatz seit 1946
Hinterlassenschaften des belgischen Militärs auf dem Truppenübungsplatz Vogelsang
Zur allgemeinen Geschichte der Anlage nach 1945 bis 2005 siehe Truppenübungsplatz Vogelsang.
Auf der Ordensburg Vogelsang selbst wurden von der belgischen Militärverwaltung behutsame Rekonstruktionen der kriegszerstörten Bausubstanz vorgenommen sowie die vorhandenen, aber zunächst nicht nutzbaren Rohbauten einer sinnvollen Nutzung zugeführt. So verwendete man die bereits fertiggestellten Sockelmauern des Hauses des Wissens als Außenmauer für die Kaserne „Van Dooren“ und das benachbarte Fundament eines Hörsaales für den Neubau eines Kinos. Beseitigt wurden nur die Hoheitsabzeichen des Dritten Reiches, im wesentlichen Hakenkreuze.
Zivile Nutzung ab 2006
Nach Aufgabe des Truppenübungsplatzes steht das Areal der ehemaligen Ordensburg mit den gewaltigen Bauwerken seit dem 1. Januar 2006 einer zivilen Nutzung offen und kann tagsüber besichtigt werden, ein Teil der umliegenden Flächen ist durch Wanderwege erschlossen. Ein temporäres Besucherzentrum ist bereits eingerichtet.
Es ist geplant, in der Burganlage die Verwaltung des Nationalparks Eifel einschließlich des zentralen Besucherzentrums sowie eine Ausstellung zur Geschichte der NS-Ordensburg unterzubringen. Des Weiteren gab/gibt es Überlegungen, eine UNESCO-Akademie in den Gebäuden anzusiedeln.
In den Gebäuden am Malakoff genannten Torbereich soll die Nationalparkforstverwaltung untergebracht werden.
Literatur
Die Burg Vogelsang von der Urfttalsperre aus gesehen.
- F. A. Heinen: Gottlos, schamlos, gewissenlos. Zum Osteinsatz der Ordensburg-Mannschaften. Gaasterland-Verlag, Düsseldorf 2007, 150 S., ISBN 978-3-935873-27-7 oder ISBN 3-935873-27-1
- Ruth Schmitz-Ehmke: Die Ordensburg Vogelsang: Architektur – Bauplastik – Ausstattung. (Landschaftsverband Rheinland – Landeskonservator Rheinland. Arbeitsheft 41) Rheinland-Verlag, Köln. 2003. (2. veränd. und erw. Auflage)
- Hans-Dieter Arntz: Ordensburg Vogelsang 1934 bis 1945 – Erziehung zur politischen Führung im Dritten Reich. Verlag Landpresse Weilerswist (5. und aktualisierte Auflage, Juli 2006) ISBN 3-935221-69-X
- Franz Albert Heinen: Vogelsang – Von der NS-Ordensburg zum Truppenübungsplatz in der Eifel. Eine kritische Dokumentation. 4. Auflage. Helios-Verlag, Aachen 2006, 237 S., ISBN 3-933608-46-5
- Franz Albert Heinen: Vogelsang. Im Herzen des Nationalparks Eifel. Ein Begleitheft durch die ehemalige „NS-Ordensburg“. Reihe Freizeitführer Rheinland. Gaasterland Verlag, Düsseldorf 2006, 47 S., ISBN 3-935873-11-5
- Alexander Kuffner: Zeitreiseführer Eifel 1933-45. Helios, Aachen 2007, ISBN 978-3-938208-42-7.
- Hans-Dieter Arntz: Ordensburg Vogelsang… im Wandel der Zeiten. Helios, Aachen 2007, 64 S., ISBN 978-3-938208-51-9
Weblinks und Literatur
Commons: Burg Vogelsang – Bilder, Videos und Audiodateien
- lernort-vogelsang.de – „Vogelsang: gestern – morgen – heute“, neben vielen textlichen Informationen finden sich dort etwas versteckt auch Luftbilder der Burganlage (14 Seiten, pdf)
- foerderverein-nationalpark-eifel.de Nationalparkinformationgelände
- video4u.be – Infoseite des belgischen Offiziers Georg Schmitz
- NS-Ordensburg Vogelsang: Eine Serie der Gesamtausgabe der Aachener Volkszeitung vom 12.06.-01.07.1986 (von Hans-Dieter Arntz)
- Serie: Wurden auf den NS-Ordensburgen künftige ‘Täter’ erzogen? (von Hans-Dieter Arntz)
- serviceagentur-vogelsang.de Seite der Burg Vogelsang ab 2006 (Land NRW)
- Webseite mit einigen Photos
Koordinaten: 50° 35′ 04″ N, 6° 26′ 53″ O
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Bibliografische Angaben für „Ordensburg Vogelsang“
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Bauernregel Sonntag 17. Februar 2008
Die Krähen
Heiß, heiß der Sonnenbrand
Drückt vom Zenit herunter,
Weit, weit der gelbe Sand
Zieht sein Gestäube drunter;
Nur wie ein grüner Strich
Am Horizont die Föhren;
Mich dünkt’, man müßt’ es hören,
Wenn nur ein Kanker schlich.
Der blasse Äther siecht,
Ein Ruhen rings, ein Schweigen,
Dem matt das Ohr erliegt;
Nur an der Düne steigen
Zwei Fichten dürr, ergraut,
Wie Trauernde am Grabe,
Wo einsam sich ein Rabe
Die rupp’gen Federn kraut.
Da zieht’s im Westen schwer
Wie eine Wetterwolke,
Kreist um die Föhren her
Und fällt am Heidekolke;
Und wieder steigt es dann,
Es flattert und es ächzet,
Und immer näher krächzet
Das Galgenvolk heran.
Recht, wo der Sand sich dämmt,
Da lagert es am Hügel;
Es badet sich und schwemmt,
Stäubt Asche durch die Flügel,
Bis jede Feder grau;
Dann rasten sie im Bade
Und horchen der Suade
Der alten Krähenfrau,
Die sich im Sande reckt,
Das Bein lang ausgeschossen,
Ihr eines Aug’ gefleckt,
Das andre ist geschlossen;
Zweihundert Jahr und mehr
Gehetzt mit allen Hunden,
Schnarrt sie nun ihre Kunden
Dem jungen Volke her:
»Ja, ritterlich und kühn all sein Gebar!
Wenn er so herstolzierte vor der Schar
Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken,
Da mußt’ ich immer an Sankt Görgen denken,
Den Wettermann, der — als am Schlot ich saß,
Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen —
Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß
Ich es dem alten Raben möchte gönnen,
Der dort von seiner Hopfenstange schaut,
Als sei ein Baum er und wir andern Kraut! —
»Kühn war der Halberstadt, das ist gewiß!
Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,
Dann standen seine Landsknecht’ auf den Füßen
Wie Speere, solche Blicke konnt’ er schießen.
Einst brach sein Schwert: er riß die Kuppel los,
Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.
Ich war nur immer froh, daß flügellos,
Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde:
Denn nie hab’ ich gesehn, daß aus der Schlacht
Er eine Leber nur bei Seit’ gebracht.
»An einem Sommertag — heut sind es grad
Zweihundertfünfzehn Jahr, es lief die Schnat
Am Damme drüben damals bei den Föhren —
Da konnte man ein frisch Drommeten hören,
Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei,
Radschlagen sah man Reuter von den Rossen,
Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei!
Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,
Granat und Wachtel liefen kunterbunt
Wie junge Kiebitze am sand’gen Grund.
»Ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch
Man überschauen konnte recht mit Fug;
Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,
Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden,
Hat seinen Stab geschwungen so und so;
Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten —
Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh’,
Es knallte, daß ich bin zu Fall geraten.
Und als kopfüber ich vom Galgen schoß,
Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß.
Er hustet, speit ein wenig Sand und Ton,
Dann hebt er an, ein grauer Seladon:
| Quellenangabe | |
| Name | Wert |
| type | poem |
| author | Annette von Droste-Hülshoff |
| title | Gedichte 1844 |
| booktitle | Gesammelte Werke, Band II: Gedichte |
| year | 1948 |
| publisher | Liechtensteinverlag, Vaduz |
| editor | Reinhold Schneider |
| pages | 01.07.32 |
| sender | belmekhira@hotmail.com |
| created | 20010426 |
| firstpub | 1844 |
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Aesop
Die Taube und die Krähe
Eine Taube brüstete sich unter andern Vögeln mit ihrer Fruchtbarkeit: „Ich brüte“, sagte sie, „jährlich acht bis zwölf Junge aus, atze sie, lehre sie fressen und fliegen, fliege mit ihnen auf die Kornfelder und lebe froh mit Kindern, Enkeln und Urenkeln, während ihr andern Vögel kaum ein Paar aushecket!“
„Still!“ sagte eine Krähe, die dies mit anhörte, „prahle doch ja nicht mit einem Gegenstand, der dir so unendlich viel Kummer und Leid verursacht! So viele Junge du hast, so viele Male hast du Trauer anzulegen. Kaum haben sie die ersten Federn, so sind sie auch schon auf den Tafeln der Menschen.“
So ist’s im Leben: Kurze Freud, viel Leid und doch halten die Freuden unserem Gedächtnis länger nach.
Raben und Krähen
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| Systematik | ||||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||
| Corvus | ||||||||||
| Linnaeus, 1758 |
Die Raben und Krähen bilden zusammen die Gattung Corvus in der Familie der Rabenvögel (Corvidae).
Die Gattung umfasst 42 Arten. Die größeren Vertreter werden als „Raben“, die kleineren als „Krähen“ bezeichnet. Hierbei handelt es sich jedoch um keine biologische Unterscheidung (Taxon).
In Europa kommen der Kolkrabe, die Aaskrähe, die Saatkrähe und die Dohle vor.
Als das Krähen bezeichnet man weiter auch den typischen Vogellaut, den neben Rabenvögeln auch andere Vögel von sich geben, etwa Haushähne und andere männliche Fasanenvögel.
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Namensherkunft
Die Bezeichnung Krähe ist in fast allen indoeuropäischen Sprachen ein lautmalerischer Name, der ihre typischen Lautäußerungen nachahmt. Im Althochdeutsch nannte man sie „krâwa“, im Mittelhochdeutsch wurde sie zur „krâ“, „kraeje“, „kreie“ oder „krowe“ und das Altslawische kennt sie als krâja.
Rabe ist verwandt mit mittelhochdeutsch „rabe“, althochdeutsch „hraban“, niederländisch „raaf“, englisch „raven“ und altisländisch „hrafn“ verwandt. Es stammt von der lautmalerischen Wurzel „ker“, von der auch „Harke“ und „krächzen“ abgeleitet ist. Die Wurzel ahmt scharrende, raschelnde oder kratzende Geräusche nach. Der Rabe ist damit also ein Krächzer.[1]
Menschen – Krähen und Raben
Mythologie
Die auffälligen Krähen und Raben spielen weltweit eine Rolle in Sagen und Märchen. Demnach haben alte Götter und Könige ihre Weisheit, Intelligenz und Flugfähigkeit genutzt. Parallel dazu spielen diese Vögel auch eine Rolle im Volks- und Aberglauben.
In der nordischen Mythologie symbolisiert der Rabe die Weisheit, der Gott Odin hatte stets die beiden Kolkraben Hugin und Munin bei sich, die auf seinen Schultern saßen und ihm berichteten, was auf der Welt vor sich ging. König Artus soll in einen Raben verwandelt worden sein. Dem griechischen Gott Apollon waren die Raben heilig (siehe Koronis (Mythologie)). Die Bibel berichtet im Alten Testament, dass Noah einen Raben aus der Arche Noah sandte. Der spätere, christliche Glaube verteufelte den Raben und sah in ihm das Böse.
Rabenkrähe mit Nuss im Schnabel auf einem städtischen Parkplatz
Eine Rolle spielt die Krähe auch in nordamerikanischen Indianer-Märch




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